
RueÃ, Susanne und Astrid Stölzle (Hrsg.)
Das Tagebuch der jüdischen Kriegskrankenschwester Rosa Bendit,
1914 bis 1917
Franz Steiner Verlag. Stuttgart 2012, (Medizin, Gesellschaft und Geschichte, Beiheft 43) 175 Seiten, 29,00 â¬, ISBN 978-3-515-10124-0
Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling
Die jüdische Krankenschwester Rosa Bendit (geboren 1879) war eine von etwa 25.000 Schwestern, die im Ersten Weltkrieg (1914-1918) als Angehörige der sogenannten âfreiwilligen Krankenpflegeâ in den Etappen â also den für die Logistik (Lebensmittel und Kriegsmaterial) und den Transport der erkrankten und verwundeten Soldaten wichtigen Landstreifen zwischen der Heimat und dem âOperationsgebietâ â arbeiteten. Ihr Einsatz führte sie zunächst in ein heimisches Lazarett in Breisach an der französischen Grenze, von dort nach Serbien, Frankreich und dann in den Osten nach Rumänien. Nachdem sie diesen Dienst gut drei Jahre lang gemacht hatte, trat sie auf eigenen Wunsch aus der freiwilligen Krankenpflege wieder aus und ging zurück in das Jüdische Schwesternheim Stuttgart.
Während der gesamten Zeit ihres Einsatzes, vom 6. August 1914 bis zum 12. November 1917, führte Rosa Bendit ein Tagebuch, in das sie handschriftlich, wohl am Abend in ihrer Unterkunft, ihre Gedanken, Beobachtungen und Eindrücke über die in den Lazaretten und den sie umgebenden Ortschaften herrschenden Lebensbedingungen notierte. Darüber hinaus hielt sie auch ihre Freizeitaktivitäten, wie Ausflüge in die nähere Umgebung und Synagogenbesuche, aber auch die Probleme mit dem militärischen Apparat, den Ãrzten und männlichen Kollegen und Mitschwestern fest.
Das âKriegstagebuch von Schwester Rosa Benditâ, das sich in einer in Maschinenschrift abgeschriebenen Version im 1939 gegründeten âCentral Archives fort the History oft the Jewish Peopleâ (CAHJP) in Jerusalem erhalten hat, liegt nun als Buch der Ãffentlichkeit vor. Herausgegeben und kommentiert wird die mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung gedruckte Edition von Susanne Rueà und Astrid Stölzle.
Dr. Susanne RueÃ, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, erhielt für ihre am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Tübingen vorgelegten medizinischen Dissertation mit dem Titel âStuttgarter Jüdische Ãrzte während des Nationalsozialismusâ von der Abteilung für Psychosomatische Medizin am Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) im Jahre 2011 einen vom Bundesministerium für Gesundheit gemeinsam mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Bundesärztekammer ausgelobten Forschungspreis.
Astrid Stölzle studierte Archäologie und Geschichte an der Universität Mannheim, bevor sie von 2008 bis 2011 Promotionsstipendiatin zum Thema âKriegskrankenpflege im Ersten Weltkriegâ am Institut für Geschichte der Medizin (IGM) der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart war. Seit 2012 arbeitet sie dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin.
Dem âTagebuch von Rosa Benditâ vorangestellt haben die beiden Herausgeberinnen mehrere Kurzbeiträge, die die Edition in den historischen Kontext einordnen und zum Verständnis hilfreich sind. So finden sich neben einer Einführung (S. 7-8) Hinweise über âDas Stuttgarter Jüdische Schwesternheimâ (S. 9-17), die âÃberlieferung von Rosa Bendits Tagebuchâ (S. 18-19), das âKriegstagebuch der Rosa Bendit: Zur spezifisch jüdischen Sichtâ (S. 20-24) und âDie freiwillige Krankenpflege im Ersten Weltkriegâ (S. 25-33).
Vielleicht gelingt es eines Tages auch noch, die Biografie von Rosa Bendit bis zu ihrem Tode zu vervollständigen. Dass dies mitunter ein schwieriges und zeitraubendes Unterfangen ist, kennt der Rezensent aus eigener Erfahrung. So konnte er etwa die letzten Lebensjahrzehnte, insbesondere das Sterbedatum und den Sterbeort einschlieÃlich einer Abbildung, des mehrfach erwähnten jüdischen Arztes Dr. Gustav Feldmann â der zu den engagiertesten Förderern einer professionellen jüdischen Krankenpflege in Deutschland gehörte, dessen Bedeutung aber sowohl von der Medizin- als auch von der Pflegegeschichte lange Zeit übersehen wurde â erstmals 1999 in Erfahrung bringen, nachdem es über das Hauptstaatsarchiv in Stuttgart und das Innenministerium in Jerusalem â nach gut einem Jahr â schlieÃlich gelungen war, mit Nachkommen Kontakt aufzunehmen. Dieses Unternehmen hatte sich dabei umso schwieriger gestaltet, als besagte Familie Feldmann bei ihrer Auswanderung nach Palästina 1935 einen neuen Namen annahm und allein schon daher â abgesehen von den besonderen Datenschutzbestimmungen bei Emigranten â nicht leicht zu ermitteln war. Von daher seien hier zu den bei der âForschungsliteraturâ (S. 172-173) gemachten Angabe zwei weitere Hinweise erlaubt:
-         Hubert Kolling: Gustav Feldmann. In: Horst-Peter Wolff (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. âWho was who in nursing historyâ, Band 2. München, Jena 2001, S. 65-66 (dort findet sich auch eine Abbildung von Gustav Feldmann).
-         Hubert Kolling: Dr. Gustav Feldmann (1872-1947) â ein Wegbereiter der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. In: Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, 16. Jg., Nr. 87, Dezember 2001, S. 19-24.
Mit der Edition des Tagebuches von Rosa Bendit haben Susanne Rueà und Astrid Stölzle einen bedeutenden Beitrag zur Pflegegeschichte geleistet. Ihr Buch ist umso mehr zu begrüÃen, als Tagebücher, Briefe und persönliche Berichte von Krankenpflegepersonal nach wie vor zu den eher spärlich überlieferten Quellen gehören.