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Die leidige Seuche Pest-Fälle in der Frühen Neuzeit (Rezension)

Die leidige Seuche Pest-Fälle in der Frühen Neuzeit von Ulbricht, Otto von (Hrsg.) Böhlau Verlag, Köln, 2004, VIII + 345 S., 27,90 € - ISBN 3-412-09402-1Rezension von: Dr. Hubert KollingSeuchen und Epidemien haben die Menschheit seit biblischen Zeiten heimgesucht. Soziale K
25. Mai 2013 durch
Die leidige Seuche Pest-Fälle in der Frühen Neuzeit  (Rezension)
Andreas Lauterbach

Die leidige Seuche
Pest-Fälle in der Frühen Neuzeit von Ulbricht, Otto von (Hrsg.)

 

Böhlau Verlag, Köln, 2004, VIII + 345 S., 27,90 € - ISBN 3-412-09402-1

Rezension von: Dr. Hubert Kolling

Seuchen und Epidemien haben die Menschheit seit biblischen Zeiten heimgesucht. Soziale Katastrophen, Hungersnöte, ja die Entvölkerung von Dörfern und Städten waren die Folgen. Oft haben sie Kriege begleitet und nicht selten über Jahre und Jahrzehnte hinweg Leiden, Elend und Tod über die Völker gebracht. Die schwerste, die alles beherrschende Seuche der Frühen Neuzeit war die Pest, die „Seuche schlechthin“. Sie war dabei allgegenwärtig: Als erinnerte Vergangenheit, als bedrohliche Zukunft, und – im schlimmsten Falle – als im Augenblick herrschende und alles beherrschende Seuche. Als potentielles zukünftiges Übel drohte die Pest, anders als man aus unserer Perspektive oft meint, aber nicht nur im 16. und 17., sondern auch noch bis weit ins 18. Jahrhundert hinein. Für die Zeitgenossen blieb die Bedrohung auch nach dem Ausbruch der Seuche in Marseille 1720, der für uns den letzten größeren im westlichen und mittleren Europa darstellt, stets präsent. Noch heute hat die Pest im kollektiven Gedächtnis einen beachtlichen Stellenwert. So hat sich etwa die Erinnerung an die Seuche tief in den Sprachgebrauch eingeschrieben. Ohne weiter nachzudenken, gebrauchen wir heute noch viele Ausdrücke, die auf die Pestzüge zurückzuführen sind. Man spricht beispielsweise von „verpesteter Luft“, oder man sagt, „es stinkt wie die Pest“.

Erstaunlich ist unterdessen, dass in den Werken der Historiker die Pest der Frühen Neuzeit oft ganz hinter dem Schwarzen Tod des Spätmittelalters verschwindet. Im Vordergrund der Darstellung stand bislang die große Pandemie von 1347 bis 1352, diese „apokalyptische Katastrophe“, die fast ganz Europa heimsuchte, und über deren Wirkung die Historiker gern nachdenken. Dieses Forschungsdesiderat im Auge hat Otto Ulbricht, Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Kiel, nun unter dem Titel „Die leidige Seuche“ ein Buch herausgegeben, in dem es schwerpunktmäßig um eine Betrachtung der Pest-Fälle in der Frühen Neuzeit geht. Die Autoren des Sammelbandes versuchen dabei, aus der Betrachtung der Pest auch Erkenntnisse über allgemein diskutierte Fragen zu gewinnen: Hatte die Pest sozialdisziplinierende Komponenten? Warum wurden in frühneuzeitlichen Pestzügen Totengräber diskriminiert und in zahlreichen Prozessen verurteilt? Wie funktionierte der städtische oder landesherrliche Verwaltungsapparat während einer Pestepidemie? Welche Medien setzte die Obrigkeit ein, um in einer solchen Notsituation Herr der Lage zu bleiben? Wie ging eine Handelsstadt wie Hamburg mit dem Dilemma um, gleichzeitig seine Wirtschaft und seine Bevölkerung schützen zu müssen? Wie waren die Auswirkungen auf „Volkskultur“ und „Volksmedizin“? Wie äußerten sich die Theologen zur Pest? Gab es Unterschiede in der Sterblichkeit von Frauen und Männern? Und: Konnten die Pesthospitäler Leben retten oder waren es eher Todesgruben?

Nach einer ausführlichen Einleitung des Herausgebers, in der er die Allgegenwärtigkeit der Pest in der Frühen Neuzeit und ihre Vernachlässigung in der Geschichtswissenschaft beschreibt (S. 1-63), wendet sich Esther Härtel in ihrem Beitrag „Frauen und Männer in den Pestwellen der Frühen Neuzeit“ (S. 64-95) der geschlechtsspezifischen Verteilung der Toten zu. Hierbei geht die Autorin über die einfache biologische Einteilung der Demographen hinaus, indem sie auch die sozio-kulturellen Aspekte der Kategorie „Geschlecht“ einbezieht, ohne die medizinhistorischen zu vernachlässigen. Sodann gibt Otto Ulbricht unter der Überschrift „Pesthospitäler in deutschsprachigen Gebieten der Frühen Neuzeit“ (S. 96-132) einen Überblick über deren Gründung, Wirkung und Wahrnehmung. Vor dem Hintergrund der Konfessionalität untersucht Matthias Lang die Schriften von Pastoren und Theologen. Das Titelzitat seines Beitrags „Der Ursprung aber der Pestilentz ist nicht natürlich / sondern übernatürlich...“ (S. 133-180) bringt dabei bereits die unterschiedliche Erklärung der Ursache der Seuche bei Medizinern und Theologen zum Ausdruck und deutet auch die Möglichkeit eines Spannungsverhältnisses zwischen den beiden Erklärungen an. In seinem Beitrag „Es ist keynne süsse arbeitt...“ (S. 181-216) analysiert Boris Steinegger den Prozess gegen einen Totengräber. Hierbei zeigt er sowohl die Macht des Vorurteils und des Gerüchts, als auch die teils hilflosen, teils illegalen Versuche des Totengräbers, sich dagegen zu wehren. Im Gegensatz zu den Pestschriften des Spätmittelalters sind bisher Analysen von einzelnen Pestschriften der Frühen Neuzeit ausgesprochen selten. In ihrem Beitrag „Akademische Medizin und Pest: Das Beispiel Johannes Bacmeister 1623/24“ (S. 217-257) liefert Axinia Schluchtmann eine gründliche Analyse des 1623 entstandenen Pesttraktates des Rostocker Professors Bacmeister wie auch eines für die Stadt geschriebenen „Bedenckens“. In dem Beitrag von Volker Gaul „Kommunikation zur Zeit der Pest: Das Herzogtum Holstein-Gottorf in den Jahren 1909-1713“ (S. 258-294) geht es vor einem kommunikationstheorethischen Hintergrund zu einem großen Teil um die Verbreitung der staatlichen Informationen und deren Wirkung während der absolutistischen Zeit. Dass Pestbekämpfung und (große) Politik sich auch auf ganz direkte Weise verschränken können, zeigt Kathrin Boyens in ihrem Beitrag „Die Krise in der Krise: Die Maßnahmen Hamburgs während der letzten Pest 1712-1714“ (S. 295-325). Dabei geht es der Autorin einmal um die Auswirkung der Pest auf die innenpolitische wie auch auf die außenpolitische Situation der Hansestadt vor dem Hintergrund des Nordischen Krieges. Im einem kurzen Beitrag betrachtet Otto Ulbricht abschließend “Die Pest – medizinisch / medizinhistorisch“ (S. 326-332).

Zusammenfassend lässt sich resümieren, dass das von Otto Ulbricht herausgegebene Buch die bisherige Betrachtungsweise der Pest ganz wesentlich erweitert hat. Die sachkundig geschriebenen, jeweils mit einem profunden Anmerkungsapparat ausgestatteten Beiträge lassen in ihrer Gesamtheit keinen Zweifel daran: ob als bewusst überlieferte öffentliche Erinnerung, ob Gedenkstein, Pestkreuz, Kapelle, ob als Trost und Hoffnung versprechende Heilige der Kirche oder als Gebete und Lieder, ob als Seuche, die aus der Nähe oder Ferne drohte, oder als Krankheit, die täglich in der engsten Umgebung ihre Opfer forderte, die den eigenen Leib angriff – die Pest gehörte zur Frühen Neuzeit wie das Amen in der Kirche. „Die leidige Seuche“ ist freilich nicht nur für Fachleute, sondern auch für Laien mit Interesse an sozial-, pflege- und medizingeschichtlichen Fragestellungen ein sehr beachtens- und lesenswertes Buch.

„Das Pflegesystem“ – seine Organisationen und Karrieren <BR>Systemtheoretische Beobachtungen zur Entstehung eines sekundären Funktionssystems (Rezension)
„Das Pflegesystem“ – seine Organisationen und Karrieren Systemtheoretische Beobachtungen zur Entstehung eines sekundären Funktionssystems (Hohm, Hans-Jürgen )Lambertus-Verlag, 2002, Freiburg im Breisgau, 180 S., 15,00€, ISNB 3-7841-1386-9 Rezension von: K. Althaus Im vo