Gerechtigkeit und Fürsorge |
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Die Autorin des 2. Bandes der Reihe "Medizin und Kultur" ist Ãrztin und arbeitet als wissenschaftliche Assistentin am Institut für Ethik und Geschichte der Universität Göttingen; die vorgelegte Arbeit wurde am Fachbereich Erziehungs-, Sozial- und Geisteswissenschaften der Fernuniversität Hagen als Dissertation angenommen.
Ausgangspunkt der Untersuchung sind die beiden vor allem die angelsächsische (Bio-) Ethikdebatte bestimmenden Paradigmen "Gerechtigkeit" (Ethics of justice) und "Fürsorge" (Ethics of care). Dabei wird die Gerechtigkeitsethik als ein Ausdruck der auf Vernunft aufbauenden Pflichtenethik Kants verstanden, während die Fürsorgeethik auf die als Alternative zu Kohlbergs Stufenschema der moralischen Entwicklung durchgeführten moralpsychologischen Untersuchungen von Carol Gilligan basiert. Der Autorin ging es nicht um eine philosophiegeschichtliche Aufbereitung des Konfliktes zwischen den Paradigmen, leitend waren vielmehr folgende Fragen:
- Worum geht es eigentlich genau bei der Ethics of care und wie verhält sie sich zu derjenigen Moraltheorie, als deren Antipode sie so häufig dargestellt wird, nämlich der Kantischen Ethik?
- Können Elemente einer "Fürsorge-Orientierung" dazu beitragen, die deontologische Moraltheorie besser für den Umgang mit "konkreten", nicht nur "verallgemeinerten Anderen" auszustatten?
- Existiert vielleicht sogar die Möglichkeit einer Integration zum wechselseitigen Vorteil und, wenn ja, mit welchen Konsequenzen für den konzeptionellen Status der Ethics of care? LieÃe sich schlieÃlich auf dieser Basis eine integrative Medizinethik anvisieren, die sowohl den Anliegen einer Fürsorge-Perspektive wie auch den Erfordernissen der Gerechtigkeit sowie des Respekts vor der Autonomie anderer Rechnung tragen kann?
Der Versuch einer Integration der Fürsorgeethik in die auf Vernunft aufbauenden Pflichtenethik Kants ist Gegenstand des dritten Teils der Arbeit. Ergebnis ist der integrative Ansatz einer deontologischen Moralphilosophie, die den Mensch ontologisch als frei (autonom) und in Beziehung stehend zugleich versteht, was erkenntnistheoretisch bedeutet, dass er rational und mitfühlend zugleich ist. Der Begriff der Empathie gewinnt in diesem Konzept zentrale Bedeutung. Ein solcher Ethikansatz ist, so die Autorin, dem Handlungsgefüge im Medizinbereich angemessen: einerseits kann der Patient als autonom entscheidender Partner gesehen, andererseits aber auch auf die vielfältigen Situationen angemessen reagiert werden, in denen der Patient aus vielfältigen Gründen nicht autonom entscheidungsfähig ist.
Die Autorin schlieÃt wie folgt: "Nun war es aber gerade das groÃe Verdienst von Gilligans "Anderer Stimme", die Individualität, Vulnerabilität und Bezogenheit des moralischen Akteurs und seines Gegenübers in Erinnerung gerufen zu haben. Eine integrative Medizinethik, die diese zentralen Aspekte der Ethics of care in Form einer Fürsorge-Perspektive in einen deontologischen Rahmen einbindet, bietet eine Möglichkeit, auf die aktuellen Erfordernisse zu reagieren." Und dies gilt, wie ich meine für eine Pflegeethik in ähnlicher Weise. Vielleicht ist hier bei aller wiederum herauszustellenden unterschiedlichen Perspektive ein gemeinsamer Ansatzpunkt für eine Medizin- und Pflegeethik gegeben.
Die Studie von Nikola Biller-Andorno kann sehr zur Lektüre empfohlen werden.