Gewaltprävention (Bojack, Barbara)Urban&Fischer, München, 2001, 210 S., 16 Abb., 19,95 ⬠- ISBN 3-437-46200-8Rezension von: Paul-Werner Schreiner |
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Gewalt in der Pflege ist ein Tabuthema. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: - Gewalt ist ein fast durchgehend negativ besetzter Begriff. - Das, was in diesem Sinne unter Gewalt verstanden wird, steht in einem diametralen Gegensatz zu dem, was traditionell unter guter Pflege verstanden wird. Deshalb wird - nach dem Motto "Es kann nicht sein, was nicht sein darf" - über das Thema ungern und daher häufig nicht gesprochen.
Dabei sind Pflegende in vielerlei Hinsicht mit Gewalt konfrontiert bzw. in Gewalthandlungen involviert:
- Pflegende sind mit Gewalt unter den Pflegebefohlenen konfrontiert (aggressive Patienten, Patienten mit Durchgangssysndrom, Unstimmigkeiten unter Bewohnern)
- Pflegende erfahren Gewalt (seitens der Patienten, seitens der Institution)
- Pflegende üben Gewalt aus.
Die Ausführungen in dem vorliegenden Buch wenden sich in erster Linie an im Bereich der Altenpflege Tätige. In einem ersten Abschnitt werden die nicht selten synonym verwendeten Begriffe "Aggression", "Gewalt" und "Mißhandlung" erläutert. Im zweiten Abschnitt werden verschiedene Formen von Gewalt und Mißhandlung dargestellt und: "Gewalt ist überall möglich". Im dritten Abschnitt wird recht knapp ausgeführt, daß sowohl die zu betreuenden alten Menschen als auch die Betreuer sowohl Täter als auch Opfer sind. Im vierten Abschnitt werden Momente aufgezeigt, die eine Früherkennung von Gewalt ermöglichen. Gegenstand des fünften Abschnitts sind schließlich Maßnahmen und Strategien, wie Gewalthandlungen in Pflegebeziehungen vorgebeugt werden kann. Ein Element dabei ist, daß die Pflegenden unterstützt werden bzw. etwas für sich selbst tun; in diesem Sinne ist der letzte Abschnitt mit "Psychohygiene Pflegender" überschrieben. In einem Anhang sind eine Liste mit Anschriften von Institutionen, an die sich Betroffene wenden können, sowie ein Literaturverzeichnis enthalten.
Die Autorin, über man leider nichts weiter erfährt, stellt die Probleme sehr anschaulich mit vielen Fallbeispielen dar. Das ist aber leider auch schon alles, was man positiv zu dem Buch sagen kann. Einige Kritikpunkte:
- Auch wenn eine eigentliche klare und auch nachvollziehbare Gliederung gegeben ist, finden sich in nahezu allen Abschnitten Tips, wie man sich zu verhalten sollte. Dadurch ist die ganze Darstellung in vielfältiger Weise redundant.
- Schon die begriffliche Differenzierung im ersten Abschnitt bleibt sehr oberflächlich; die zahlreichen latenten Gewaltformen, vor allem sprachliche Gewalt, finden, wenn überhaupt, nur am Rande Erwähnung; und die extreme Form der Gewaltanwendung, die Tötung von Pflegebefohlenen bleibt unerwähnt.
- Wenn über Gewalt in Pflegebeziehungen gesprochen wird, muß deutlich unterschieden werden zwischen Pflegebeziehungen, in die professionell Pflegende involviert sind, und Pflegebeziehungen im familiären Bereich; das Familiensystem hat eine ganz eigene Dynamik, die besonderer Betrachtung bedarf. Beide Problembereiche werden immer wieder vermengt, was im Ergebnis verwirrend ist.
- Die Ratschläge und Tips, die zu den verschiedenen Situationen gegeben werden, gehen über Allerweltsweisheiten selten wesentlich hinaus - "Konflikte, die entstehen, weil unterschiedliche Moralvorstellungen darüber existieren, was Gewalt ist, können nur gemeinsam mit allen Beteiligten gelöst werden und sollten immer auch die Wünsche des Betroffenen berücksichtigen."
- In dem Buch sind zwar Ausführungen zum Betreuungsrecht enthalten, diese sind aber in keiner Weise erschöpfend; ebenso genügt es nicht, auf die Möglichkeit einer Patientenverfügung zu verweisen.
- Es ist zweifelsfrei richtig, daß für die im Bereich der Altenbetreuung Tätigen Strategien der Entlastung gefunden und etabliert werden müssen. Gleichwohl dürfen sich weder die Analyse noch die Folgerungen darauf beschränken. Es ist zu bedenken, welchen Wert alten und behinderten Menschen seitens der Gesellschaft beigemessen wird, denn dies beeinflußt ganz entscheidend die Rahmenbedingungen der Betreuung dieser Menschen. Im Besonderen darf nicht außer acht gelassen werden, daß die im Bereich der Altenbetreuung Tätigen Mitglieder dieser Gesellschaft mit ihrer Wertordnung sind. Dieser im Zusammenhang mit dem Thema "Gewalt in der Pflege" ganz entscheidende Aspekt findet nur am Rande Erwähnung.
- Das Literaturverzeichnis ist mehr wie lückenhaft; es berücksichtigt vor allem die zahlreichen Artikel in Pflegefachzeitschriften so gut wie überhaupt nicht. Zudem sind einige Literaturangaben formal nicht dazu angetan, dass der Leser eine angegebene Quelle ohne Weiteres finden kann (Söhnchen, U.: Artikel in: Heilberufe ambulant Heft 4/2000, Verlag Urban & Vogel).
Das Buch ist mit seinen vielen Fallbeispielen sicher geeignet, den Leser für manche Problemsituation zu sensibilisieren; auch wird er anhand der beschriebenen Lösungen für die eigene Situation vielleicht angemessene Wege finden. Da es aber inzwischen eine ganze Menge auch gute Literatur zu dem Thema gibt, fällt es schwer, das Buch uneingeschränkt zu empfehlen.