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Henderson - Das Spital im Florenz der Renaissance

  Henderson, JohnDas Spital im Florenz der RenaissanceHeilung für den Leib und für die SeeleÜbersetzt von Gerhard AumüllerFranz Steiner Verlag, Stuttgart, 2014, 477 S., 58,00 €, ISBN 978-3-515-09943-1     In der Renaissance sind die italienischen Hospitäler ein Meilenstein auf de
10. August 2016 durch
Henderson - Das Spital im Florenz der Renaissance
Andreas Lauterbach
HENDERSON Das Spital
 
Henderson, John
Das Spital im Florenz der Renaissance
Heilung für den Leib und für die Seele
Übersetzt von Gerhard Aumüller
Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 2014, 477 S., 58,00 €, ISBN 978-3-515-09943-1
 
 
In der Renaissance sind die italienischen Hospitäler ein Meilenstein auf dem Weg zur Medikalisierung und zur Modernisierung der Medizin. Während mittelalterlichen Hospitälern in der Medizingeschichte ein eher schlechter Ruf anhaftet, bieten die Renaissance-Hospitäler erstmals eine professionelle Betreuung für die Patienten auf dem aktuellen medizinischen Wissensstand. Sie spielen als städtische Einrichtungen zugleich auch eine lebenswichtige Rolle in der Gesunderhaltung der Stadt. Und nicht zuletzt entspricht ihre „bellezza“ dem zeitgenössischen Architekturprinzip der Beziehungen zwischen Schönheit und Funktion. Auf diese Weise verbindet das Renaissance-Hospital die Heilung des Körpers mit dem Heil für die Seele. Das Hospital ist somit emblematisch für einige der kulturellen, politischen und sozio-ökonomischen Entwicklungen und Errungenschaften der Florentiner Renaissance, und die Beschäftigung damit ist gleichermaßen bedeutsam für die Historiografie wie für die Medizin- und Pflegegeschichte.
 
Vorzustellen gilt es hierzu ein umfassendes, längst zum Standardwerk gewordenes Buch zur Hospitalgeschichte Florenz‘, das 2006 unter dem Titel „The Renaissance hospital. Healing the body and healing the soul” (Yale University Press, New Haven) im englischen Original erschien und nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Verfasst wurde es von dem Historiker John Henderson (Jahrgang 1949), der an der Universität von London als Professor für die Geschichte der italienischen Renaissance lehrt und als führender Experte des Gesundheitswesens in Florenz und in der Toskana in Spätmittelalter und Renaissance gilt. Die äußerst verdienstvolle Übersetzung ins Deutsche besorgte der Marburger Anatom und Medizinhistoriker Prof. Dr. Gerhard Aumüller von Oktober 2011 bis Mai 2012 als Ergänzung zum abgeschlossenen DFG-Projekt „Die Hessischen Hohen Hospitäler – Die Patienten- und Leitungsstruktur einer frühneuzeitlichen Versorgungseinrichtung“ der Arbeitsstelle für Medizingeschichte – Behring-Bibliothek der Philipps-Universität Marburg.
 
Einleitend weist John Henderson darauf hin, dass er sich als Teil einer neuen Bewegung in der Historiographie mittelalterlicher und Renaissance-Hospitäler versteht, die versucht, von „den traditionellen Vorurteilen ebenso wegzukommen wie von unkritischen Lobhudeleien“ (S. 25). Die Intention dieses Buches sei es, die verschiedenen Elemente herauszufinden, die das Ansehen des Renaissance-Hospitals im Hinblick auf die Themen und Diskurse zweier Felder ausmachen: der Renaissance-Studien und der Medizingeschichte. Hierzu analysiert er die Hospitallandschaft des oberitalienischen Stadtstaates in einem Zeitraum von 300 Jahren (1250-1550), in dem es 68 Hospitäler gab, die steckbriefartig im Anhang (S. 447-459) vorgestellt werden. Die Grundlage seiner Studie bilden eine Vielzahl von Quellen, darunter auch die zahlreich vorhandenen Bildquellen.
 
Nach der Einführung gliedert sich das Buch in drei Teile, die jeweils drei Kapitel umfassen:
Teil 1 - Spitäler und die Stadt
• Vor dem Schwarzen Tod: Die Geburt der Klinik
• Die frühe Renaissance: Arznei für den Körper und Arznei für die Seele
• Die Spätrenaissance: Schönheit, Krankheit und die Armen
Im ersten Teil spürt John Henderson zunächst der sich entwickelnden städtischen Rolle des Florentiner Hospitals im Verlauf von drei Jahrhunderten nach. Die Hospitäler wurden damals zu einem „lebenswichtigen Element in den Strategien der Gesellschaft, um der kranken Armen als den erkrankten Organen im Körper der Stadt Herr zu werden“. Zugleich behandelt der Autor die oft diskutierte Frage nach der Rolle jeweils von Kirche und Staat bei der Bereitstellung von Hilfe für die Armen.
 
Teil 2 - Heilung der Seele
• „Für den Allmächtigen Arzt gibt es keine unheilbaren Krankheiten“: Die Rolle der Spitalkirche
• „Glänzende Stätten der Behandlung, mit reichen Mitteln erbaut“: Krankensäle und die Sorge für Leib und Seele
• Im Dienste der Armen: Die Gemeinschaft der Pflegenden
Im zweiten Teil werden grundlegende Funktionen des Renaissance-Hospitals untersucht: die Heilung der Seele bei der Behandlung von Krankheiten, wozu insbesondere die beiden wichtigsten religiösen Räume des Hospitals – die Kirche und die Kapelle des Krankensaals – in den Blick genommen werden. In den Blick genommen werden aber auch der Krankensaal als Mittelpunkt frommer Tätigkeit und der Bereitstellung von Pflege.
 
Teil 3 - Heilung des Körpers
• Behandlung der Armen: Die Ärzte und ihre Aufgaben
• „Vorhöfe des Todes“?
• Die Behandlung der Armen: Apotheker, Pillen und Purgantien.
Der dritte Teil beleuchtet die Rolle und den Tätigkeitsbereich der ärztlichen Belegschaft und die Formen der Arzneien, die verschrieben wurden, ebenso wie die Krankheiten, Schicksale und Einzelpersönlichkeiten der Patienten.
 
 
Im Hinblick auf die Leserschaft der „Geschichte der Pflege“ sei hier das Kapitel über „Die Gemeinschaft der Pflegenden“ (S. 263-307) etwas näher vorgestellt. Wenngleich die Hingabe des Pflegepersonals eines der Hauptmerkmale des Renaissance-Hospitals war, die von den Zeitgenossen herausgestellt wurden, habe man ihnen wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Nach der Darstellung von John Henderson zeigen die erhaltenen Verträge, dass die Unterscheidung zwischen Patient, Pfleger und Mitbewohner „weit von einer scharfen Trennung entfernt war“ (S. 267). Demnach gab es Menschen, die als „commessi“ oder „commesse“ bezeichnet wurden und die im Hospital lebten und arbeiteten. Dann gab es unter dieser Bezeichnung jene Pflegenden, die um im Hospital zu leben, eine Geldsumme mit einbrachten, um im Alter selbst gepflegt zu werden. Weiter gab es solche, die eintraten um allein oder als Paar dort zu leben, die oft größere Geldsummen oder Eigentum bereitstellten und ihre eigenen Einrichtungen mitbrachten und im Hospital wohnten ohne jegliche karitative Verpflichtungen. Schließlich gab es auch solche, die in ihren eigenen Häusern lebten, aber eine Zuwendung erhielten, oft als Gegenleistung für ein Geschenk oder Vermächtnis von Geld oder von Eigentum für das Hospital. Die Bewerber hatten zu garantieren, dass sie bereit waren, „sich ohne Ablenkung von außen gänzlich dem Dienst im Hospital zu widmen, und moralisch aufrechte Mitglieder der Gesellschaft zu sein“ (S. 271). Wie bei den Bruderschaften sei die Garantie eines angemessenen Begräbnisses und einer freien Bestattung in der Hospitalkirche oder auf dem Friedhof ein großer Vorteil der Hospitalgemeinschaft gewesen. Ein Pflegeleiter hatte die Leitung des Krankensaales unter sich, dem vier Vertreter oder Oberpfleger zur Seite standen, deren jeder sieben Helfer unter seinem Befehl hatte. Unter den „Dienerinnen und Helferinnen“ befanden sich unterdessen nicht nur Krankenschwestern, sondern auch solche, die kochten, sauber machten oder die Wäsche für das gesamte Hospital erledigten. Wenngleich die Bezahlung nicht hoch war, sei die Arbeit in einem oder für ein Hospital, so der Autor, „ein attraktives Angebot“ gewesen, insbesondere für allein stehende Frauen, seien sie verwitwet oder nie verheiratet gewesen: „Es war das Angebot der Sicherheit, mit dem es die Hospitäler schafften, eine Versorgung mit Personal aufrecht zu halten, vor allem durch individuell angepasste Verträge, die dem Einzelnen und der Einrichtung gleichermaßen nutzten“ (S. 292). Dabei waren entsprechende Vereinbarungen mit einem Hospital für alleinstehende Frauen ein gangbarer Weg zur eigenen Unterhaltssicherung, ebenso aber auch für alleinstehende Männer.
 
Nach Ansicht von John Henderson bietet das Bild, das aus seiner Untersuchung entstanden ist, „eine weitere Dimension“ für unser Verständnis der Renaissance: „Sie lässt erkennen, dass das Hospital und vor allem die kranken Leiber darin, einen Mikrokosmos des Zusammenspiels vieler Facetten der Stadt darstellt. Während die äußere Form des Spitals seiner Baulichkeit die bellezza hinzufügte, bildete die Betonung der sinnvollen Organisation und der Funktionalität der Gebäude und der Verwaltung einen Teil des Ideals des Staates“ (S. 446). Das Renaissance-Spital habe eine große Zahl von Kranken behandelt, damit sie leicht in die Gemeinschaft zurückkehren konnten und weiterhin einen nützlichen Beitrag zur Gesellschaft leisteten.
 
Indem John Hendersons nicht nur medizinische und sozioökonomische Studien zusammengeführt hat, sondern auch Zugänge aus den Bereichen der Religions-, Kunst- und Architekturgeschichte für seine Studie herangezogen hat, bietet das vorliegende Buch zugleich ein neues, dynamisches und multidisziplinäres Modell für die Untersuchung des Hospitals als eines Mikrokosmos der Stadt selber. Es ist sehr zu begrüßen, dass dieses grundlegende Werk zur Hospitalgeschichte nun auch in deutscher Sprache vorliegt.
 
Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling
Sahmland - Tote Objekte, Lebendige Geschichten
Sahmland, Irmtraut und Kornelia Grundmann (Hrsg.)Tote Objekte, Lebendige GeschichtenExponate aus der Sammlung der Philipps-Universität MarburgMichael Imhof Verlag, Petersberg, 2014, 256 S., 29,00 €, ISBN 978-3-86568-948-1     Das Anatomische Museum der Philipps-Universität Marbur