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Kultur des Friedens (Rezension)

Kultur des Friedens (Richter, Horst-Eberhard (Hrsg.))Psychosozial-Verlag, Gießen, 2001, 309 S., 20,50 €, ISBN 3-89806-068-3Rezension von: Manfred Kienzle Von 8. bis 10 Dezember 2000 veranstaltete die IPPNW, d.h. die Vereinigung Internationale Ärzte für die Verhütung des Ato
25. Mai 2013 durch
Kultur des Friedens (Rezension)
Andreas Lauterbach

Kultur des Friedens (Richter, Horst-Eberhard (Hrsg.))

Psychosozial-Verlag, Gießen, 2001, 309 S., 20,50 €, ISBN 3-89806-068-3

Rezension von: Manfred Kienzle

Von 8. bis 10 Dezember 2000 veranstaltete die IPPNW, d.h. die Vereinigung Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs / Ärzte in Sozialer Verantwortung, in Berlin einen Kongress, dessen erklärtes Ziel es war, als Gegenentwurf zu einer allmählichen Gewöhnung der Weltöffentlichkeit an die Lösung internationaler Konflikte durch militärische Gewalt Umrisse einer Kultur des Friedens zu skizzieren. Obwohl das aus den Tagungsbeiträgen bestehende Buch, wie sein Herausgeber, der emeritierte Geschäftsführende Direktor des Zentrums für Psychosomatische Medizin in Gießen und Mitbegründer und Vorstand der Deutschen Sektion der IPPNW, Horst-Eberhard Richter, im Vorwort schreibt, "in Rekordzeit" fertiggestellt wurde, waren die ihm zu Grunde liegenden brennenden tagespolitischen Fragen - die einseitige Installierung eines Raketenabwehrsystems durch die US-Regierung, der Kriegseinsatz in Jugoslawien und die Notwendigkeit der Befriedung Mazedoniens und des Kosovo - kurz nach Erscheinen des Buches bereits weitgehend aus dem Fokus des öffentlichen Interesses verschwunden. Die einschneidenden Ereignisse des 11. September 2001 rückten bekanntermaßen einen lange Zeit völlig vernachlässigten Krisenherd ins Bewusstsein: Afghanistan.

Hätten sich die Teilnehmer der Berliner Tagung lediglich mit der Erörterung gerade aktueller Krisen beschäftigt, wäre das Buch bereits heute Makulatur. Doch lag dem Kongress ein anderer Ansatz zu Grunde. Im Zentrum stand die Frage, wie Konfliktsituationen frühzeitig erkannt, gewaltfreie Konfliktlösungsstrategien entwickelt und Formen der Friedenserziehung institutionalisiert werden können, um eine gerechtere Weltordnung etablieren zu können. Meines Erachtens erweisen sich diese erkennbar utopischen Züge des Tagungsziels paradoxerweise gerade angesichts einer weltpolitischen Situation, in der die "Terrorismusbekämpfung" mittels massiver militärischer Gewalt leicht als ultima ratio angesehen wird, als äußerst nutzbringend.

Generelles Problem des Abdrucks von Beiträgen einer Tagung ist es, dass aus der Vielzahl der Einzelbeiträge nicht leicht ein homogenes Ganzes entsteht und auch der eine oder andere Beitrag nicht unbedingt weiter führt. Auch befriedigen Grußworte und kurze Good-Will-Beiträge nicht zwangsläufig die Neugier des Lesers. Darüberhinaus ist es ein deutliches, wenngleich nicht gravierendes Manko der zu Grunde liegenden Tagung, dass zuviel Gewicht auf der Analyse des weltpolitischen Ist-Zustandes und der begangenen Fehler, die zu diesem führten, gelegt wurde. Zwangsläufig kam dann das, was eigentlich im Tagungstitel angekündigt wurde, die Beschreibung der "Kultur des Friedens" etwas zu kurz. Dennoch lohnt es, sich mit diesem Buch auseinander zu setzen.

In Beiträgen unterschiedlicher Länge (von kurzen, skizzenartig vorgestellten Thesen bis zu detailliert erläuterten Überlegungen auf der Basis von Statistiken) analysieren Wissenschaftler, Theologen, Journalisten, Mediziner, Mitarbeiter von sozial und politisch engagierten NGOs (Nongovernmental Organisations), Politiker, Militärs, Rechtsanwälte und Schriftsteller, welche Fehler bei den sich anbahnenden Konflikten vom Irak bis zur Türkei, vom ehemaligen Jugoslawien bis zum Nahen Osten begangen wurden. Zumeist, so lässt sich resümieren, wurden bereits sich offenkundig anbahnende Konflikte solange ignoriert, bis eine Lösung ohne militärische Gewalt unmöglich wurde, oder sie wurden - aus welch vordergründigen Interessen auch immer - maßgeblich mit vorbereitet. Der Großteil der Beiträge beschäftigt sich damit, dies für den Konfliktherd im ehemaligen Jugoslawien zu belegen.

Auch bei der Durchführung von sogenannten HMIs, "humanitären militärischen Interventionen" basierte der tatsächliche Einsatz oftmals auf Fehleinschätzungen und Falschinformationen, was zum Beispiel von Heinz Loquai, Brigadegeneral a.D., in seiner Darstellung des Kosovo-Einsatzes eindrücklich erläutert wird.

Deutlich wird auch in Beiträgen über die augenblickliche ökonomische Situation in Jugoslawien und im Irak, wie Sanktionen in erster Linie die Bevölkerungen treffen und als Hebel zu politischen Veränderungen wenig geeignet sind. Auch die Zusammenhänge zwischen sozialen Problemen wie hoher Arbeitslosigkeit und einem Anwachsen des Gewaltpotentials (Oskar Negt) werden eingehend erörtert.

Am beeindruckendsten sind allerdings die Beiträge, die sich nicht mit der Analyse von Fehlern beschäftigen, sondern damit, wie aktiv eine Kultur des Friedens hergestellt werden soll. Diese Beiträge sind im Kapitel "Modelle konstruktiver Friedens- und Verständigungsarbeit" zusammengestellt; wenngleich sie nur etwa ein Sechstel des Buches einnehmen, so machen sie doch den ganzen Band lesenswert.

Überzeugend, da vorausdenkend, ist Andreas Buros Darstellung zu erwartender Konfliktherde und die anschließende Beschreibung eines Konzeptes der "zivilen Konfliktbearbeitung", soll heißen der Stärkung der internationalen Gerichtsbarkeit, der Förderung regionaler Integrationsprozesse und zivilgesellschaftlicher Aktivitäten zur Deeskalation bei entstehenden Konflikten.

Äußerst informativ ist auch der Bericht über gruppentherapeutische Workshops zur Bearbeitung schmerzhafter gesellschaftlicher und politischer Prozesse, die Dan Bar-On, Professor of Post-Holocaust Psychological Studies an der Ben-Gurion-Universität in Beer-Sheva, und Ifat Maoz, Professor am Fachbereich für Kommunikation und Journalismus der Hebräischen Universität in Jerusalem, durchgeführt haben. Bei diesen "TRT-Workshops" (TRT = "To Reflect and Trust") hatten die Nachkommen von Tätern und Opfern verschiedener Konfliktregionen (Deutschland, Nahost, Nordirland, Südafrika) Gelegenheit, die eigenen Geschichten mit denen Anderer zu vergleichen und über die eigenen familiären Traumata hinaus ihren Blick für die Leiden anderer zu schärfen.

Zwei Beiträge über die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission TRC, die sich mit den Verbrechen im Zeichen der Apartheid befasst, geben Aufschluss über die Chance, zukünftige Konflikte durch die nachträgliche Auseinandersetzung mit bereits begangenen Verbrechen zu minimieren.

Angesichts des ungeheuren Ausmaßes sich weltweit abspielender gewalttätiger Auseinandersetzungen mögen solche gesellschaftlichen Therapieversuche zwar wie der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein wirken; dennoch ist es nicht von der Hand zu weisen, dass diese Versuche positive Ansätze enthalten, die breiterer Unterstützung bedürfen. Größte Bedeutung kommt dabei der Schärfung der Wahrnehmung positiver Ansätze zu: Der Physiker Hans-Peter Dürr beschreibt die Fixierung des menschlichen Interesses auf die Beobachtung destruktiver Tendenzen als grundsätzliches Problem der Wahrnehmung und als wesentliches Hindernis beim Einsatz für Verbesserungen. Erläuternd zitiert er ein tibetanisches Sprichwort: "Ein Baum, der fällt, macht mehr Krach als ein Wald, der wächst!" Zweifellos verliert man beim Krachen der Bäume leicht die Sensibilität für die Beobachtung des wachsenden Waldes - doch ein Buch wie das vorliegende kann uns helfen, diese Sensibilität wieder zurück zu erlangen.

Das Ende der Egomanie<br> Die Krise des westlichen Bewusstseins (Rezension)
Das Ende der Egomanie Die Krise des westlichen Bewusstseins (Richter, Horst-Eberhard)Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2002, 220 S, 18,90 €, ISBN 3-462-03087-6Rezension von: Manfred Kienzle Dreiundzwanzig Jahre nach der Beschreibung des "Gotteskomplexes", das heißt der Entst