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Lebenswelt Pflegeheim

Beate Radzey Lebenswelt Pflegeheim Eine nutzerorientierte Bewertung von Pflegeheimbauten für Menschen mit Demenz. Mabuse-Verlag, Frankfurt, 2014, 388 S., 39,90 €,  ISBN 978-3-86321-211-7 Beate Radzey, Haushaltsökonomin und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Demenz Support St
21. Oktober 2015 durch
Lebenswelt Pflegeheim
Andreas Lauterbach

Pflegeheim

Beate Radzey

Lebenswelt Pflegeheim

Eine nutzerorientierte Bewertung von Pflegeheimbauten für Menschen mit Demenz.

Mabuse-Verlag, Frankfurt, 2014, 388 S., 39,90 €,  ISBN 978-3-86321-211-7

Beate Radzey, Haushaltsökonomin und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Demenz Support Stuttgart gGmbH, hat sich seit vielen Jahren mit Fragen des Wohnens und der bedürfnisgerechten Umweltgestaltung für alte Menschen beschäftigt. In diesem Buch - welches als Dissertation an der Justus-Liebig-Universität Gießen erschienen ist - hat sie empirisch untersucht, wie ein angemessenes Milieu für Menschen mit Demenz zu gestalten ist. Es wurden unterschiedliche Nutzergruppen (u. a. Bewohner, Mitarbeiter, Angehörige etc.) einbezogen, darüber hinaus die objektive Wohnumwelt erhoben. Das zentrale Ergebnis ist bedeutsam für die Fachdiskussion, nicht nur bezogen auf die stationären Einrichtungen: Es werden keine Spezial-Umwelten für Menschen mit Demenz benötigt, wohl aber sorgsam geplante Umwelten, die auch altersspezifischen Einschränkungen (bei Menschen mit Demenz) Rechnung tragen. Der klare Hinweis auf diese Differenz ist meiner Einschätzung nach der wichtigste Ertrag dieses Buches. Und zwar deswegen, weil wir - nicht zuletzt durch Fortschritte in der ökogerontologischen Forschung - immer mehr dazu neigen, spezialisierte Wohnumwelten für Teilgruppen von Menschen zu schaffen. Diese Entwicklung verbindet sich mit Geschäftsmodellen, die inklusive, teilhabeorientierte und zivilgesellschaftliche Perspektiven für Menschen mit Demenz aus dem Blick zu verlieren drohen.

Die Studie gliedert sich in folgende Schwerpunktkapitel:

  • Nach der Problemstellung und dem Aufbau der Arbeit wird ausführlich auf demenzielle Erkrankungen eingegangen. Der Fokus liegt auf der Symptomatik, den Folgen sowie den Anforderungen an die stationäre Betreuung.
  • Der theoretische Ansatz folgt einem systemischen Modell (vor allem aus Befunden der Umweltpsychologie, Ökogerontologie und der Heimforschung), welche die dinglich-räumliche Umwelt in einer Wechselwirkung mit den dort lebenden Personen sowie den Versorgungsroutinen betrachtet. Wahrnehmung, Erleben der Umwelt sowie räumliches Verhalten stehen im Mittelpunkt. Ebenfalls wird auf eine zentrale Überlegung der Ökogerontologie – nämlich die Kongruenz von Kompetenz und Umweltanforderungen – Bezug genommen. Wichtig sind natürlich auch die Ausführungen zu den Spezifika der Umwelt „Pflegeheim“. Die beschriebenen Umweltattribute von Lawton gelten (auch) für Menschen mit Demenz: Orientierung, Sicherheit, Stimulation, Alltagskompetenz, Kontrolle, Privatheit, Kontinuität, etc.
  • Das nächste Kapitel beschreibt die Planungspraxis stationärer Einrichtungen und geht auf empirisch gesicherte Gestaltungsmerkmale ein, die nach wie vor zu wenig zur Kenntnis genommen werden. Genannt werden u. a. Hinweise zur Gestaltung der Bewohnerzimmer. Dabei wird der Mythos entzaubert, dass Doppelzimmer ein gelungenes Zusammenleben fördern. Darüber hinaus ist dort – im Vergleich zum Einzelzimmer – die Schlafqualität geringer, die Psychopharmagabe höher. Besonders ungünstig ist die Konstellation, bei der Menschen mit Demenz mit nicht an Demenz erkrankten Personen zusammenwohnen (müssen). Interessant sind auch die Ausführungen zur Kleinräumigkeit und Alltagsnähe, die mittlerweile in der Fachdiskussion Beachtung finden. Die wichtigsten Ergebnisse sind in einem „consensus statement“ zusammengefasst (S. 151), welches als Richtschnur für Architekten, Träger und Heimverantwortliche dienen kann.
  • Der methodische Ansatz wird in Kapitel 6 dargelegt. Es wird ein multimethodischer Zugang favorisiert, orientiert an der Post-Occupancy-Evaluation. Es handelt sich um eine heuristische Vorgehensweise, die sowohl objektive Bewertungskriterien (Größe, Stimuli, Verbindung zum Gemeinwesen etc.) mit subjektiven Einschätzungen der verschiedenen Nutzergruppen verbindet. Hinzu kommen Verhaltenskartografien, die zeitgleich von zwei Beobachtern durchgeführt wurden. Untersucht wurden drei Einrichtungen, die von einer Expertenjury als hochwertige und auf die Demenzversorgung ausgerichtete Institutionen klassifiziert wurden.
  • Das zentrale Ergebnis wurde oben bereits vorweggenommen. Überwiegend gab es positive Einschätzungen seitens der Nutzer. Hervorgehoben wird, „dass das Gebäude seinen Nutzern Möglichkeiten zur Entwicklung bedürfnisorientierter Nutzungs- und Verhaltensmuster und damit zur räumlichen Aneignung bieten muss“ (S. 26). Dazu dient am besten eine räumliche Gestaltung, die territorial gegliedert ist, differenzierte Aufenthaltsmöglichkeiten bietet sowie den Bewohnern ein hohes Maß an Autonomie, Sicherheit und Kontrolle ermöglicht. Es geht um ein kleinräumiges, überschaubares Wohnumfeld, welches Geborgenheit und Nähe vermittelt. Dabei sollte auch nicht die Verbindung zur Außenwelt unterbrochen sein – im Gegenteil.
  • Implikationen für Forschung und Planungspraxis runden den Band ab, wobei die Sekundäranalyse des US-Forschers Fleming genutzt wird. Konkret genannt werden folgende Aspekte: Sicherheit (u. a. durch Einsehbarkeit des Bewegungsraums), Blickbezug der Wohn- und Aufenthaltsbereiche zum Zentrum des Wohnbereichs, Einzelzimmer (welches nach eigenen Vorstellungen möbliert werden kann), adäquate Regulierung der Stimuli (u. a. durch natürliches Licht), Kleinheit (mit einer idealen Gruppengröße von ca. 10 Personen), Wohnlichkeit (durch entsprechende Farb-, Licht- und Mobiliargestaltung), Beschäftigungen (auf der Grundlage eines breiten und differenzierten Angebots) und ein Freibereich (hier bietet sich der Garten an).    

Fazit: Es handelt sich um eine interessante, praxisnahe und für die Gestaltung von Wohn- und Raumkonzepten in Heimen wichtige Untersuchung. Methodisch lässt sich immer vieles kritisieren, die Nutzereinschätzung in Institutionen ist ein weites Feld. Weiterführend ist es, den Blick auf das zentrale Ergebnis zu lenken. Und die Frage zu stellen: Woran genau lässt sich der schmale Grat zwischen dem exkludierenden Geschäftsmodell von Spezial-Umwelten für Menschen mit Demenz und der angemessenen (und kritischen) Berücksichtigung vorwiegend ökogerontologischer Erkenntnisse festmachen – und welche Konsequenzen hat dies? Diese grundlegende Frage kann letztlich nur durch weitere Forschungen aus den Bereichen der Ethik, der Pflegewissenschaft, der Gerontologie und den Sozialwissenschaften beantwortet werden.

Eine Rezension von Univ.-Prof. Dr. Hermann Brandenburg

Implementierung akademischer Pflegekräfte
Andree, Josef Implementierung akademischer Pflegekräfte Wie lassen sich akademische Pflegekräfte sinnvoll in der Pflegepraxis integrieren? Logos Verlag, Berlin. 2013, 44 Seiten, 34,95 €, ISBN 978-3-8325-3590-2. Entstehungshintergrund Diese Publikation basiert auf der Bachelorarbe