Männer in der Angehörigenpflege (Manfred Langehennig, Detlef Betz, Erna Dosch)
Beltz Juventa Verlag. Weinheim, Basel 2012, 137 Seiten, 23.95 Euro, ISBN 978-37799-2820-1
Rezension von: Dr. Hubert Kolling
Die häusliche Pflege von Familienangehörigen gilt in unserer Gesellschaft immer noch als „weibliches“ Tätigkeitsfeld, obwohl über ein Drittel der Hauptpflegepersonen heute bereits Männer sind. Hiervon ausgehend stehen die „Männer in der Angehörigenpflege“ im Mittelpunkt des vorliegenden Buches von Manfred Langehennig, Detlef Betz und Erna Dosch. Neben der Präsentation einiger quantitativer Befunde geht es dabei insbesondere um Erfahrungen und das praktische Bemühen, sich auch in der häuslichen Pflege ganz als „Mann“ fühlen zu können.
Prof. em., Dr. phil. Manfred Langehennig (Jahrgang 1945), der im Fachbereich Gesundheit und Soziales der Fachhochschule Frankfurt lehrt, veröffentlichte zahlreiche Buch- und Zeitschriftenbeiträge über Themen der Alter- und Gesundheitsforschung, darunter auch „Die Seniorenphase im Lebenslauf. Zur sozialen Konstruktion eines neuen Lebensalters“ (Augsburg 1987) und (mit Martina Obermann) „Das soziale Frühstadium der Alzheimer-Krankheit. Eine kritische Wegstrecke der Krankheitsbewältigung in der Familie“ (Frankfurt am Main 2006).
Gerontologe (FH), Gesundheits- und Krankenpfleger Detlef Betz (Jahrgang 1957), Referent im Diakonischen Werk in Hessen und Nassau, veröffentlichte ebenfalls zahlreiche Buch- und Zeitschriftenbeiträge, darunter auch die Schriften „Studienheft praktischer Einsatz von Krankenpflegeschülern in der Gemeinde“ (Frankfurt am Main 1988) und „Hoffnung ist Diakonie. Menschen würdig pflegen. Arbeitshilfen zum Gottesdienst am Diakoniesonntag 19. September 2004“ (Darmstadt 2004).
Dipl.-Sozialgerontologin, Gesundheits- und Krankenpflegerin Erna Dosch (Jahrgang 1966), wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Männer in der Angehörigenpflege“ und Lehrbeauftragte an der Fachhochschule Frankfurt und an der Evangelischen Hochschule Darmstadt veröffentlichte unter anderem das Buch „Umgang mit psychisch erkrankten alten Menschen. Sichtweisen und Handlungsstrategien von Fachkräften und Laien“ (Wiesbaden 2004).
Zur Bedeutung und Intention ihres hier vorliegenden Buches schreiben die Autoren einleitend: „Wir meinen, dass es höchste Zeit ist, da Engagement häuslich pflegender Männer genauer in Augenschein zu nehmen. Wir meinen, dass es an der Zeit ist, ihre Erfahrungen zur Kenntnis zu nehmen, die sie als Mann in jenem weiblich geprägten Tätigkeitsfeld machen. Diese besonderen Erfahrungen gilt es zu würdigen, und es gilt darüber hinaus, nach Möglichkeiten der Unterstützung und Förderung zu suchen. Zur Begründung unserer Einschätzung skizzieren wir im Folgenden die gesellschaftlichen und sozialen Hintergründe, vor denen das Thema pflegende Männer seine Bedeutung erlangt“ (S. 9).
Im ersten der insgesamt drei Beiträge, die das Buch vereint, stellt Manfred Langehennig unter der Überschrift „In der Angehörigenpflege seinen ‚Mann‘ stehen – Einblicke in die gender-konstruierte Sorge-Arbeit pflegender Männer“ (S. 13-44) zunächst abgesicherte Einsichten in die lebensweltlichen Erfahrungen häuslich pflegender Männer, wobei er unter anderem auch Antworten auf die folgenden Fragen gibt: Wie erleben sie Herausforderungen? Welche besonderen Unterstützungsbedarfe gibt es in einem „männlich“ geprägten häuslichen Pflegearrangement? Darüber hinaus stellt der Autor einige Befunde aus einem Forschungsprojekt vor, in dessen Rahmen 65 pflegende Männer interviewt wurden.
In ihrem Beitrag „Netzwerkbeziehungen häuslich pflegender Männer im erwerbsfähigen Alter“ (S. 45-103) wendet sich Erna Dosch den Veränderungen in den sozialen Netzwerkbeziehungen jener häuslich pflegender Männer zu, die sich noch im berufsfähigen Alter befinden. Mit Blick auf die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf analysiert sie dabei am Beispiel typischer struktureller Problemlagen sowohl die hemmenden als auch die fördernden Einflüsse von Netzwerkkonstellationen.
In ihrem Beitrag „Praxisbeispiele“ (S. 105-137) informiert Detlef Betz schließlich über zwei innovative Handlungsmodelle. Am Beispiel der Planung und des Aufbaus einer Gruppe pflegender Männer illustriert er zunächst, wie die Umsetzung und Unterstützung in der Praxis aussehen kann. Darüber hinaus zeigt er Möglichkeiten auf, um die überwiegend weiblichen Pflegefachkräfte im Rahmen einer Weiterbildung zur Pflegeberatung für einen neuen Beratungsansatz im Umgang mit häuslich pflegenden Männern zu sensibilisieren.
Aufgrund des weiter voranschreitenden demographischen Wandels unserer Gesellschaft und den damit verbundenen gesundheitspolitischen Probleme hinsichtlich der pflegerischen Versorgung sind in den letzten Jahren verstärkt auch „Pflegende Angehörige“ in den Blickpunkt des öffentlichen und fachlichen Interesses gerückt, was seinen Ausdruck nicht zuletzt in einer Fülle von Veröffentlichungen fand. „Männer in der Angehörigenpflege“ spielten hierbei freilich eine unbedeutende Rolle. Erinnert sei daher etwa an die von Stefanie Klott vorgelegte Untersuchung „‘Ich wollte für sie sorgen‘. Die Situation pflegender Söhne. Motivation, Herausforderungen und Bedürfnisse“ (Frankfurt am Main 2010), die erstmals in größerem Umfang ein bislang kaum betrachtetes Forschungsfeld der Pflege beleuchtet hat. Vor diesem Hintergrund ist die vorliegende Publikation von Manfred Langehennig, Detlef Betz und Erna Dosch sehr zu begrüßen. In ihrer Darstellung weisen sie zu Recht darauf hin, dass das derzeit überraschend hohe Engagement von Männern bislang kaum wahrgenommen wird. Die Gründe hierfür liegen ihres Erachtens zum einen daran, dass die fürsorgende Tätigkeit der Männer – insbesondere in ihren geschlechtsrelevanten Aspekten – dem Auge systematisch verborgen bleibt. Zum anderen werde das männliche Engagement im öffentlichen Pflegediskurs weitgehend ausgeblendet, denn immer noch würden Pflege im Allgemeinen und Angehörigenpflege im Besonderen als weiblich gelten. Insgesamt betrachtet zeigen ihre vorgestellten Befunde aus einem Forschungsprojekt sowie der Praxisbericht aus einem Treffpunkt für pflegende Männer die Notwendigkeit gendersensibler Unterstützungsangebote. Zugleich wird aber auch der Bedarf an Fort- und Weiterbildungen auf Seiten der helfenden Berufe sichtbar.
„Männer in der Angehörigenpflege“ gewährt wichtige Einblicke in ein pflegewissenschaftlich noch dürftig bearbeitetes Forschungsfeld. Von daher sollte es vor allem von Studierenden, Lehrenden und PraktikerInnen aus der Sozialen Arbeit wie der Pflege zur Kenntnis genommen werden.