Medizingeschichte und Medizinethik |
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Die Medizinethik ist an den meisten deutschen Universitäten mit Medizinischen Fakultäten am Institut für Medizingeschichte angesiedelt. Dazu haben in den Institutionen sicher vielfach Zufälle beigetragen. Die Verbindung von Medizingeschichte und -ethik findet aber auch eine sachliche Begründung darin, dass sich die Medizinethik stets mit den medizinischen Handlungsmöglichkeiten weiterentwickelte. So entsprach eine Medizinethik als nahezu ausschlieÃliche Lehre ärztlichen Verhaltens einem medizinischen Handlungsrepertoire, das weitgehend auf Beratung und das Herstellen wie auch immer gedachter Harmonien beschränkt war; und eine Medizin mit weit reichenden Handlungsmöglichkeiten bedarf einer Medizinethik, die sich um eine ebenso differenzierte Begründung ärztlichen Handelns bemüht. Auch wenn es immer Weiterentwicklungen gab, kann jedoch das 20. Jahrhundert als ein Zeitraum identifiziert werden, in dem die meisten Grundsteine für die Medizin, wie sie uns heute selbstverständlich ist, gelegt wurden - und in dem mit den Menschen verachtenden Aktionen mancher Ãrzte in Nazi-Deutschland ärztliches Handeln einen vorläufig absoluten moralischen Tiefpunkt erreicht hat, was bei dem Bemühen um die Begründung ärztlichen Handelns fürderhin nie unberücksichtigt bleiben kann.
Der vorliegende erste Band einer neuen Reihe - Medizin und Kultur - basiert auf einer Tagung, die die Institute für Ethik und Geschichte der Medizin der Universitäten Halle-Wittenberge und Göttingen im Dezember 2000 in den Franckeschen Stiftungen in Halle veranstalteten. Diese Tagung wiederum ging auf die Zusammenarbeit zweier Arbeitskreise der Akademie für Ethik in der Medizin (Sitz Göttingen) zurück, des Arbeitskreises "Begründungsfrage und Begründungsansätze in der Medizinethik" (Leiter: Professor Dr. J. N. Neumann, Halle) und des Arbeitskreises "Geschichte der Medizinethik" (Leiter: Dr. A. Frewer). Eine Begrenzung ist stets willkürlich und in der Regel einem begrenzten Umfang und dem Wunsch nach Ausführlichkeit geschuldet. Für die Begrenzung des Betrachtungszeitraumes auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in dem vorliegenden Buch können die Herausgeber zwei markante Eckdaten angeben: die PreuÃischen Anweisungen zur Forschung am Menschen im Jahr 1900 sowie den Nürnberger Ãrzteprozess mit der Formulierung des medizinethischen Kodex von 1947 und die Neufassung des hippokratischen Eides in der Genfer Fassung von 1948. Im Jahr 2000 war zudem des 50. Todestages von Emil Abderhalden zu gedenken, des Initiators der ersten Zeitschrift mit dem Schwerpunkt "Medizinethik".
Die 15 Beiträge des Bandes spannen einen weiten Bogen und sind jeder für sich lesenswert - selbstverständlich sind die Menschenversuche sowie der Nürnberger Ãrzteprozess Themen, aber auch z. B. "Medizinethik und Rationalisierung im Umfeld des ersten Weltkrieges" oder "Zwischen medizinischem Paternalismus und Patientenautonomie"; und es wird an das Werk wichtiger Persönlichkeiten erinnert, die vieles von dem erdacht und implementiert haben, das uns heute allzu selbstverständlich ist, an Albert Moll, Albert Niedermeyer, Victor von Weizsäcker und Emil Abderhalden; sehr informativ sind die Ausführungen von J. N. Neumann zu den Hauptströmungen der medizinischen Theoriediskussion in ihrer Bedeutung für die Medizinethik zur Zeit der Weimarer Republik; dass die Thematik nicht abgeschlossen ist, wird vor allem im letzten Beitrag deutlich, in dem N. Biller-Andorno der Frage nach einer universellen Medizinethik nachgeht und zu folgendem Resümee gelangt: "Als Resümee lieÃe sich mit Bezug auf die Frage nach einer universellen Medizinethik für einen (zumindest) pragmatisch begründeten Universalismus plädieren, der mit der Festlegung konkreter Inhalte zurückhaltend ist und sich eher auf formale Prinzipien stützt. Eine solche Position könnte zwischen den Extrempositionen eines kontextinsensitiven Allgemeingültigkeitsanspruchs und einem normative Schlussfolgerungen erschwerenden Relativismus vermitteln, so dass sich historisch-kulturelle und allgemein gültige Standards möglicherweise doch nicht so unvereinbar gegenüberstehen, wie es auf den ersten Blick scheinen mag."
Das Buch sei zur Lektüre allen an den ethischen Fragen im Bereich der Gesundheitsversorgung Interessierten sehr empfohlen.