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Nerven bewahren (Rezension)

Nerven bewahren (Manteufel, Andreas)Paranus Verlag der Brücke, Neumünster, 2012, 184 S., 14,80 €, ISBN 978-3-940636-19-5Rezension von: Paul-Werner Schreiner Nerven bewahren ist in allen denkbaren Lebensumständen eine empfehlenswerte Strategie. Da es aber in dem vorliegenden Buch,
25. Mai 2013 durch
Nerven bewahren (Rezension)
Andreas Lauterbach

Nerven bewahren (Manteufel, Andreas)

Paranus Verlag der Brücke, Neumünster, 2012, 184 S., 14,80 €, ISBN 978-3-940636-19-5

Rezension von: Paul-Werner Schreiner

Nerven bewahren ist in allen denkbaren Lebensumständen eine empfehlenswerte Strategie. Da es aber in dem vorliegenden Buch, wie der erste Untertitel besagt, um den Alltag in der Akutpsychiatrie geht, wird man davon ausgehen dürfen, dass mit dem Titel nicht oder zumindest nicht nur das landläufige Keep cool gemeint ist. Der Autor schreibt zu Beginn einer zusammenfassenden Betrachtung am Ende des Buches dazu Folgendes: "Den Titel "Nerven bewahren" habe ich diesem Buch als doppeldeutiges Wortspiel vorangestellt. Für eine begrenzte Zeit nehmen wir die Nerven unserer Patienten in Verwahrung, um sie zu schützen und wieder aufzubauen. Gleichzeitig gilt es für uns Psychiatriemitarbeiter, die eigenen Nerven zu bewahren. Das spielt auf Konzepte an wie self-care und Burnout-Prophylaxe. Es geht aber auch einfach darum, bei der Arbeit die Lust und den Spaß nicht zu verlieren."

Auch der zentrale Begriff des zweiten Untertitels bedarf einer Erläuterung. Im Rückklappentext führt der Autor dazu aus: "Ich habe gleich zu Beginn meiner beruflichen Tätigkeit eine Art Sudelheft angelegt. Darin hielt und halte ich fest, was ich staunend, erheitert, beeindruckt und manchmal mit Unverständnis im Klinikalltag aufschnapp(t)e. Dieser Fundus ist der Grundstock meines Buches, angereichert mit Erinnerungen und Kommentaren, die mir jetzt, beim Zusammenschreiben, dazu einfallen."

Der Autor ist Psychologie, promoviert mit einer Arbeit über Systemspiele und seit 1992 in der Abteilung Psychiatrie 1 der LVR-Klinik Bonn tätig.

In einleitenden Ausführungen erfährt der Leser Einiges über den Titel des Buches und die Funktion des Sudelheftes sowie den sachgemäßen Gebrauch desselben. Der Autor schreibt hier über sich selbst, seinen Werdegang sowie das mit der Veröffentlichung des Buches verfolgte Ziel.

In vollkommen unsystematischer Weise werden nun einzelne Sentenzen aus dem Sudelheft aufgegriffen. Es handelt sich dabei um typische, für jeden, der jemals in solchen Institutionen war, leicht erkennbare Alltagssituationen, die jetzt einmal - gegebenenfalls aus der konkreten Situation herausgelöst - kritisch reflektiert werden. Des Weiteren werden typische Klinikredewendungen und Floskeln bedacht, die in dieser Weise aus der konkreten Situation herausgenommen, leicht als sprachliche Unsitte erkennbar sind. Der Autor berichtet über erwartete und unerwartete Therapieerfolge und -misserfolge. Er kann dabei aufzeigen, dass lineare Zusammenhänge zwischen dem therapeutischen Agieren und dem Ergebnis vorsichtig gesprochen nicht immer aufzeigbar sind.

Im Anschluss an die Erwägungen zu den Eintragungen im Sudelheft fasst der Autor seine dabei gewonnenen Einsichten in einem Kapitel zusammen. Dabei geht er im Besonderen auf den von seinem Doktorvater Günter Schiepek entwickelten Begriff der Systemkompetenz ein. Er führt dazu aus: "In den Theorien dynamischer, selbstorganisierender Systeme, dazu zählen auch Chaostheorie und Synergetik, fanden wir die theoretischen Begriffe, um zu beschreiben, womit wir es in der psychosozialen Arbeit zu tun haben:

  • Selbstorganisation statt Fremdsteuerung
  • Vernetzung statt Aneinanderreihung von Ereignissen
  • zirkuläre statt lineare Kausalität
  • Intransparenz statt Klarheit
  • Vieldeutigkeit statt Eindeutigkeit
  • Veränderlichkeit statt Stabilität
  • Zukunftsoffenheit statt Vorhersagbarkeit
  • Nichtlinearität statt prinzipielle Berechenbarkeit.
In unserer klinischen Rhetorik klingen die hier infrage gestellten Konzepte noch immer an."

Das Konzept der Systemkompetenz, so Manteufel weiter in diesem Kapitel, diene nicht dazu, als neuer Ratgeber aufzutreten. Vielmehr gehe es zum einen um das Sotieren der wichtigsten Aspekte komplexer Systeme und zum anderen eine Beschreibung von Fertigkeiten, mit denen man in solchen Systemen "bestehen", also "die Nerven bewahren" kann. Es werden sechs Kategorien der Systemkompetenz beschrieben:

  • Sozialstrukturen und Kontexte
  • die Dimension der Zeit
  • Umgang mit der emotionalen Dimension
  • soziale Kontaktfähigkeit
  • Systemförderung, Entwicklung von Selbstorganisation
  • Theoriewissen, Methoden.

Es schließen sich noch Erwägungen dazu an, wie man vor dem Hintergrund des Ausgeführten "normal bleiben" kann, und schließlich ganz am Ende, welche (Be-)Deutungen der Begriff "Psychiatrie.

Das preiswerte Buch sei wärmstens zur Lektüre empfohlen. Wer nicht in der Psychiatrie tätig ist, sollte sich nicht davon abschrecken lassen, dass der Untertitel auf den Alltag in der Akutpsychiatrie verweist. Die vom Autor beleuchteten Klinik-/Alltagssituation und sprachlichen Umgangsformen sind mit gewissen Nuancen auch in vielen anderen klinischen Disziplinen beschreibbar und in Pflegeeinrichtungen auf jeden Fall. Die unter dem Stichwort "Systemkompetenz" dargelegten Konzepte sind zumindest auf alle Bereiche der klassischen, sprich konservativen Medizin problemlos übertragbar.

Vor allem die Selbstbeschränkung, die Manteufel zu Beginn seines Resümees formuliert, ist m. E. disziplinübergreifend beherzigenswert: "Ich nehme weiten Abstand davon, zu dieser Frage Ratschläge zu verteilen. Alles, was ich dazu in diesem Abschlusskapitel zusammenfasse, ist nichts als meine eigene Erfahrung. Die Ratgeberliteratur kann nur so kontinuierlich boomen - das ist meine Überzeugung -, weil die vielen guten Tipps eben nicht umzusetzen sind. Im Prinzip klingt alles, was in diesen Büchern steht, regelmäßig viel überzeugender, als es in der Praxis dann funktioniert. Das erzeugt beim Anwender ein schlechtes Gewissen oder die falsche Überzeugung, dass er in der Umsetzung etwas falsch macht. Das Wesentliche sehe ich darin, dass jeder seinen eigenen persönlichen Stil finden und die eigenen Schlüsse aus seinen Erfahrungen ziehen muss, um herauszufinden, wie er seine
Arbeit mit Erfolg, aber auch mit Freude und dem Gefühl von Sinn erfüllt."

Prävention von Aggression und Gewalt in der Pflege (Rezension)
Prävention von Aggression und Gewalt in der Pflege (Schirmer, Uwe et al.)Schlütersche Verlagsgesellschaft, Hannover, 2012, 3., akt. Aufl., 101S. 24,95 €, ISBN 978-3-89993-298-0Rezension von: Paul-Werner Schreiner Gewalt im Kontext pflegerischer Beziehung ist inzwischen seit Jahr