Organlieferant Tier? |
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Organtransplantationen sind als Therapieverfahren bei dem Ausfall bestimmter Organe etabliert. Es wird jedoch unüberhörbar darüber klage geführt, dass eine deutliche Diskrepanz besteht zwischen den zur Verfügung stehenden Spenderorganen und den Menschen, die auf ein Organ warten. Ursache ist zum einen mangelnde Spendebereitschaft der Bevölkerung, die sich vor allem in den Ländern bemerkbar macht, in denen der Organentnahme in der einen oder anderen Weise zugestimmt werden muss; zum anderen wird aber auch die mangelnde Bereitschaft in vielen Krankenhäusern, einen potenziellen Organspender zu melden, als Ursache genannt.
Neben der mitunter erhobenen Forderung, die im deutschen Transplantationsgesetz festgeschriebene Zustimmungslösung, zu revidieren - dies geht bis zur Forderung, die Organspende zur Pflicht zu erklären - werden zwei Strategien verfolgt, dem beklagten Organmangel beizukommen: Es werden die Möglichkeiten erforscht,
- auf der Basis von Stammzellen auch komplexe Organe zu "züchten"
- dem Menschen Tierorgane zu implantieren, wobei es sich hier um Organe gentechnisch modifizierter Schweine handelt.
Im zweiten Abschnitt wird der Stand der Xenotransplantationsforschung referiert. Bei den aufseiten des Empfängers zu beachtenden Problemen handelt es sich um die immunologischen Reaktionen, Fragen der anatomischen und physiologischen Kompatibilität sowie um die Infektionsrisiken. Bezüglich der tierischen Spender wird auf der einen Seite das Problem der Erzeugung und Haltung von transgenen Schweinen erörtert und auf der anderen Seite die Problematik der präklinischen Versuche, bei denen Primateen Schweineorgane implantiert werden, was durch die Bank weg zum Tod oder zur Tötung dieser Menschenaffen führt. AbschlieÃend werden in diesem Abschnitt die Alternativen zur Xenotransplantation angesprochen: Verbesserung der etablierten Transplantation, Präventivmedizin, Gewebe aus Stammzellen sowie künstliche Organe. Im Resümee dieses Abschnitts wird deutlich, dass noch sehr viele Fragen vollkommen ungeklärt sind und sich eigentlich auch nicht lösen lassen - wie z. B. die Frage, wie Erreger, die beim Schwein ubiquitär vorhanden sind, dem Schwein aber nichts tun, und die normalerweise auch die Artgrenze nicht überschreiten können, sich verhalten, wenn sie in unmittelbaren Kontakt mit dem menschlichen Organismus gebracht werden.
Im dritten Abschnitt werden historische Aspekte der Xenotransplantation dargestellt, wobei die Idee der Xenotransplantation bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgt wird - zu Recht wird auf die Versuche mit Tierbluttransfusionen verwiesen. In diesem Abschnitt geht die Autorin auch die Frage des Chimärismus und die Problematik der Identität, die ja auch im Zusammenhang mit der Ãbertragung menschlicher Organe, vor allem der des Herzens, immer wieder eine Rolle spielt ein.
Im vierten Abschnitt werden nun an den vier Grundregeln der Medizinethik - Wohltun, Nichtschädigen, Autonomie und Gerechtigkeit - entlang die sich mit der Xenotransplantation ergebenden Probleme erörtert. Dieser Abschnitt gibt nicht zuletzt durch seine klare Struktur einen sehr guten Ãberblick über die international geführte Diskussion zu diesem Thema. Besonders spannend ist die im Zusammenhang mit dem Autonomiegebot auftretende Problematik, wie mit Menschen zu verfahren sein wird, die ein Tierorgan implantiert bekommen haben und bei denen sich dann eine bislang nicht gekannte, möglicherweise hoch ansteckende und tödliche Infektion einstellt. Die referierten MaÃnahmen des Patientenmonitoring bleiben etwas an der Oberfläche. Die Autorin zieht in einem Vergleich die HIV-Infektion heran. Aufschlussreicher wäre vielleicht die BSE-Problematik gewesen, da es sich auch hierbei um eine Problematik der Artüberschreitung von Erregern handelt - und man hätte sich in diesem Vergleich mit den bei BSE beschrittenen Vorgehensweisen auseinander setzen müssen - groÃflächige Eliminierung der Betroffenen. Und es wäre noch weiter zu diskutieren, was mit dem ggf. betroffenen medizinischen Personal geschehen soll. Es ist verständlich, dass die im Bereich der Xenotransplantation Tätigen einen Teufel tun werden, diese Fragen auch nur anzudenken.
Der fünfte Abschnitt ist der Tierethik gewidmet. Auch dieses Kapitel gibt unabhängig von dem eigentlichen Thema einen guten Ãberblick über die Diskussion der ethischen Aspekte im Umgang mit Tieren. Ganz spannend ist die Frage, wie ein im Hinblick auf die Transplantation postuliertes Tötungsverbot begründet werden kann, wenn die Tötung zum Zwecke der Gewinnung von Nahrungsmitteln als erlaubt angesehen wird. Die Autorin nimmt in diesem Abschnitt natürlich auch auf Albert Schweizers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben Bezug, wobei diese Diskussion m. E. nicht erschöpfend ist. Gerade im Bedenken der Ethik Albert Schweizers wäre kritisch zu diskutieren, ob denn zur Rettung eines einzelnen Menschen alle MaÃnahmen und Versuche an Tieren legitimiert werden können.
In dem abschlieÃenden Abschnitt werden die ungelösten Fragen und die herausgearbeiteten ethischen Fragen noch einmal zusammengefasst und einen Ausblick auf die weitere notwendige Forschung gegeben.
Das Buch kann sehr zur Lektüre empfohlen werden. Durch eine klare Struktur und eine sehr gut verständliche Sprache erschlieÃt sich die Erörterung der komplizierten Sachverhalte auch Nicht-Fachleuten.
Eine grundsätzlich Frage sei abschlieÃend aufgeworfen. Das Buch basiert grundsätzlich auf der Prämisse, dass ein beim Menschen eintretender Organausfall durch Organersatz behandelt werden soll. Wie in der ganzen Diskussion über die Organtransplantation wird auch hier die mit der Möglichkeit zu handeln gegebene Alternative zu verzichten erst gar nicht in Erwägung gezogen. Diese Alternative nicht zu bedenken, ist ethisch zumindest nicht ganz unproblematisch. Unter Hinzuziehung einer weiteren Ãberlegung erweist sich diese Vorgehensweise sogar als problematisch. Seit geraumer Zeit ist allgemein bekannt und kann als unstrittig gelten, dass die in der Gesellschaft zur Versorgung kranker und hilfebedürftiger Menschen zur Verfügung stehenden Ressourcen grundsätzlich begrenzt sind (wobei noch nichts über das Niveau der Begrenzung gesagt ist). Nimmt man einmal hypothetisch an, die Xenotransplantation würde zur Regelversorgung, würde nicht ausbleiben, dass, da mit den verschiedenen Aspekten dieses Geschehens sehr viel Geld verdient werden würde (die derzeit in diesem Bereich aktive Industrie agiert nicht aus sozialer Motivation), ein wesentlicher Teil der zur Verfügung stehenden Ressourcen in die kräftig wachsende "Ersatzteillagermedizin" (keine Spenderorganbegrenzung mehr) verlagert würde. Die derzeit schon brisante Situation chronisch kranker und hilfebedürftiger Menschen würde sich dadurch mit Sicherheit nicht bessern. Eine Abhandlung über die ethischen Aspekte sollte diese Problematik nicht unbeachtet lassen.