Pflege in Europa (Hitzemann, Andrea et al.(Hrsg.))Lambertus, Freiburg, 228 Seiten, 18,00 Euro, ISBN 978-3-7841-2067-6Rezension von: Univ.-Prof. Dr. Hermann Brandenburg |
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Gegenstand des Buches
Hintergrund des Buches ist eine Tagung von Caritas international und der Katholischen
Hochschule Freiburg zum Thema "Pflege und Migration" am 20./21. Juni
2011 in Freiburg. Gegenstand ist die Pflegemigration, aktuell vor allem aus
Osteuropa. Laut Angaben der Vereinten Nationen waren 2010 knapp die Hälfte
der 214 Millionen Migranten weiblich. Konkret bezogen auf die deutsche Situation
stehen zwei Gruppen im Zentrum des Interesses. Die erste Gruppe sind Pflegefachkräfte,
die überwiegend in Krankenhäusern, aber auch in der stationären
Langzeitpflege, arbeiten. Diese Personen halten sich unabhängig von den
Migrationswegen legal in Deutschland auf und arbeiten legal. Die zweite Gruppe
sind Haushaltshilfen bei Pflegebedürftigen, die z. T. rund um die Uhr in
Pflege- und Betreuungsarbeiten involviert sind. Diese Gruppe lebt, sofern sie
aus EU-Mitgliedstaaten einreist, aufenthaltsrechtlich legal aber arbeitsrechtlich
in einer Grauzone oder illegal. Die legale Variante, nämlich die offizielle
Festanstellung bei den Familien (inklusive der steuerlichen und sozialversicherungsrechtlichen
Absicherungen), findet nur selten statt. Es muss davon ausgegangen werden, dass
ca. 150.000 dieser Haushaltshilfen in Deutschland beschäftigt sind. Neben
der rechtlichen Problematik und der völlig unzureichenden Bezahlung dieser
Menschen stellt sich eine Reihe von Fragen, denen dieser Band differenziert
nachgeht.
Autoren
Die Referate kommen von Mitarbeitern von Caritas International (u. a. Hitzemann
oder Waldhausen), der KH Freiburg (u. a. Schirilla) und aus den jeweiligen Perspektiven
(u. a. aus Polen [Surdej], der Ukraine [Wirz], Rumänien [Ducu], Deutschland
[Waldhausen] oder der Schweiz [Schilliger]). Nicht zu vergessen sind die instruktiven
Projekte, und zwar aus Deutschland das Caritas24-Projekt (Wawrik und andere),
aus Österreich die 24-Stunden Betreuung (Pichler und Bodmann) sowie aus
Rumänien ein Pilotprojekt zur konstruktiven Gestaltung von Pflegemigration
(Marton). Sämtliche Autorinnen und Autoren verfügen über eine
wissenschaftliche und/oder praktische Erfahrung bzw. Feldkompetenz.
Zentrale Inhaltsbereiche
In den Hinführungen zum Thema wird vor allem erläutert, warum Pflegemigration
ein Thema der Auslandsarbeit des Hilfswerks der deutschen Caritas ist. Denn
man muss vor Augen führen, dass mit der Migration Konsequenzen für
die Entsenderländer wie auch für die Empfängerländer verbunden
sind. Vor allem für die Betroffenen selbst bedeutet ein Leben zwischen
zwei Welten und eine damit verbundene Pendel-Migration eine extrem hohe Belastung.
Einerseits sind die Personen selbst z. T. hoch qualifiziert, arbeiten aber in
Deutschland unter ihrem Qualifikationsniveau, vor allem aus finanzieller Notwendigkeit.
Das Geld wird z. T. in die Heimat rücküberwiesen, um dort Kinder und
weitere Verwandte zu unterstützen. Eine längere Abwesenheit eines
Elternteils (hier häufig die Mütter) kann jedoch mit Gefahren für
die heranwachsenden Kinder verbunden sein. Insgesamt ist die mehrmonatige (z.
T. auch deutlich längere) Abwesenheit von zu Hause mit Chancen, aber auch
mit großen Herausforderungen für alle Beteiligten verbunden. Die
entsprechenden Themen werden in drei Kapiteln entfaltet.
Kapitel 1 stellt die Perspektive der Entsenderländer vor. Hier wird ausführlich
auf die Strukturen der Hauskrankenpflege in Mittel- und Osteuropa, die Arbeit
mit Sozialwaisen in der Ukraine geschildert, die sozialen Folgen der Migration
am polnischen Beispiel erläutert und - besonders eindrucksvoll - im Rahmen
einer Einzelfallstudie die konkrete Lebenswelt einer ukrainischen Arbeitsmigrantin
plastisch geschildert. Ergänzend wird das Konzept der transnationalen Mutterschaft
diskutiert.
Kapitel 2 kontrastiert die erste Perspektive mit dem Blick seitens der Empfängerländer,
vorwiegend aus Deutschland und der Schweiz. Beeindruckend ist vor allem der
Beitrag von Schirilla, die sich grundlegend mit der gesamten Problematik auseinandersetzt.
Sie warnt vor Kriminalisierung, aber auch vor Viktimisierung der Migranten/-innen.
Interessant sind auch der Hinweis auf die Eigenlogik der Migration und der Vorschlag
einer Doppelstrategie zum Umgang mit den Herausforderungen. Einerseits - so
Schirilla - muss nach aufenthalts- und arbeitsrechtlichen Legalisierungen gesucht
werden (hierzu werden später in Kapitel 3 interessante Projekte vorgestellt).
Andererseits muss unterstützende Arbeit geleistet werden, z. B. bei niedrigschwelligen
Hilfen und Beratungsangeboten, Bewältigungsstrategien oder Selbsthilfeorganisationen
und Interessenverbänden der "domestic workers".
Kapitel 3 präsentiert Ideen und Projekte, die bei der Freiburger Tagung
ausführlich diskutiert wurden, davon zeugt auch ein abschließendes
Symposium zur stärkeren Vernetzung und Austausch auf Augenhöhe. Es
kann an dieser Stelle nicht jedes Projekt erwähnt werden, sicher ist für
die deutsche Situation das Projekt "Caritas 24 - zu Hause gut betreut"
wichtig, das übrigens am 15. Juli 2011 durch die "Beauftragte für
Menschenrechte bei der polnischen Regierung" geehrt wurde.
Gesamteinschätzung
Das Buch schließt eine Lücke, denn die Diskussion um Pflegemigration
wird in Deutschland eher verschämt geführt. Die Politik reagiert mit
einer gewissen Ambivalenz auf das Problem, die Nutzer von pflegerischen Dienstleistungen
(hier auch die Angehörigen) bewegen sich häufig im illegalen Bereich.
Auch die Pflegeverbände greifen das Thema nicht aktiv auf. An der einen
oder anderen Stelle hätte ich mir eine noch stärkere Einbindung wissenschaftlicher
Expertise gewünscht, u. a. zu den Konsequenzen transnationaler Migration
für eine gute Pflege von alten Menschen. Hier hätten Pflegewissenschaftler,
Gerontologen, aber auch Kultur- und Sozialwissenschaftler, weitere Perspektiven
eröffnen können. Aber das kann ja bei der zweiten Konferenz nachgeholt
werden, die hoffentlich bald folgt. Dem Thema sollte in der Politik, bei Verbänden
und in der Wissenschaft mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden.
Zielgruppen des Buches
Pflegende, Pflege-, Sozial-, Kulturwissenschaftler, Verbände (u. a. Verantwortliche
bei der Caritas, aber auch anderen Wohlfahrtsverbänden).