Zum Inhalt springen

Pflegeinformatik (Rezension)

Pflegeinformatik (Hannah, Kathryn J., Marion J. Ball, Margaret J. A. Edwards (Hrsg.) und Ursula Hübner)Springer Verlag, Berlin-Heidelberg, 2002, XX und 454 Seiten, 654 Abb., 34,95 € - ISBN 3-540-41869-5Rezension von: Paul-Werner Schreiner Auch wenn manche öffentlichen Darstel
25. Mai 2013 durch
Pflegeinformatik (Rezension)
Andreas Lauterbach

Pflegeinformatik (Hannah, Kathryn J., Marion J. Ball, Margaret J. A. Edwards (Hrsg.) und Ursula Hübner)

Springer Verlag, Berlin-Heidelberg, 2002, XX und 454 Seiten, 654 Abb., 34,95 € - ISBN 3-540-41869-5

Rezension von: Paul-Werner Schreiner

Auch wenn manche öffentlichen Darstellungen oder die Werbung mitunter den Eindruck vermitteln, dass die die ganze Welt oder, besser, jedermann fortwährend mit dem Computer umgeht, muss man in der Praxis vor Ort zum einen feststellen, dass dies einfach nicht so ist - man begegnet noch erheblichen Berührungsängsten, und dies nicht nur bei älteren Kollegen/-innen; zum anderen benutzen viele, die einen Computer besitzen, dieses Gerät, um - was von der dahinter stehenden Industrie durchaus auch so gewollt ist - zu spielen, im weltweiten Netz zu surfen oder um - wiederum von der Industrie nicht so sehr begrüßt - Musik-CDs zu produzieren. Kenntnisse über den Computer als Arbeitsinstrument sind eher wenig verbreitet - der Computer wird in vielen Fällen bestenfalls als Schreibmaschine missbraucht.

Es gibt kaum einen Arbeitsplatz für Pflegende, an dem nicht ein Rechner steht. Und so es noch eine Tätigkeit für Pflegende gibt, bei der diese nicht etwas an einem Rechner tun müssen, wird dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein auslaufendes Modell sein. Nicht nur in der Verwaltung und in der Forschung, an jedem Arbeitsplatz werden Pflegende in Zukunft mit der Informationstechnologie konfrontiert sein. Ein wesentlicher Beweggrund dafür ist der enorme Kostendruck, der auf den Einrichtungen des Gesundheitswesens lastet.

Vor allem Pflegende in Leitungsfunktionen sind immer wieder in Entscheidungsprozesse bezüglich der Einführung von Computern oder - noch entscheidender - von Software involviert. Das vorliegende Buch wendet sich neben Pflegeforschern vor allem an diesen Personenkreis, um eine Einführung in das Gebiet der Informationstechnologie zu geben, das als Pflegeinformatik bezeichnet wird. Bei dem Buch handelt es sich um die Übersetzung aus dem Amerikanischen. Die Herausgeber und Autoren sind Pflege- und Gesundheitswissenschaftler aus Amerika und Kanada, die den Einzug der Informationstechnologie in das Gesundheitswesen z.T. seit den Anfängen in den frühen 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aktiv begleiten. Die Pflegeinformatik wird von den Herausgebern ursprünglich als ein Teil der Medizinischen Informatik verstanden, insofern diese "alle Informationstechniken umfasst, die dem Entscheidungsfindungsprozess in der Patientenbehandlung dienen und von Praktikern im Gesundheitsbereich angewendet werden". 1980 wurde im Rahmen einer Konferenz der International Medical Informatics Association (IMIA) in Tokyo eine eigenständige Pflegesektion gegründet. 1988 wurde dann von einer Arbeitsgruppe der IMIA in Seoul Pflegeinformatik wie folgt beschrieben: "Pflegeinformatik ist die Integration des Faches Pflege, des pflegespezifischen Wissensschatzes und des pflegetypischen Informationsmanagements mit Informations- und Kommunikationstechnologie mit dem Ziel, Gesundheit weltweit zu fördern."

Nach einigen einführenden Kapiteln über das Funktionieren eines Computers, in denen auch über wichtige Begriffe informiert wird, sind zwei Kapitel dem Bereich gewidmet, der den meisten Pflegenden inzwischen - nicht selten leidvoll - bekannt sein dürfte: das Krankenhausinformationssystem. Weitere Kapitel beschäftigen sich mit ausgewählten Anwendungsbereichen (Der stationäre Bereich, Der ambulante Bereich, Anwendungen in der Administration, Anwendungen in der Aus- und Weiterbildung, Anwendungen in der Forschung). Die Kapitel eines weiteren Abschnittes greifen Fragen auf, die das Umfeld von Informatikanwendungen betreffen (Auswahl von Hard- und Software, Computerarbeitsplätze, Nutzenbeschreibung, Notfallplanung, Benutzerakzeptanz). Der Informatik als Beruf und der Frage, welche Folgen aus der Gesundheitsinformatik für die Zukunft der Pflegeberufe resultieren, sind jeweils ein Kapitel gewidmet.

Für die deutsche Ausgabe hat Ursula Hübner, Professorin für Krankenhausinformatik und Quantitative Methoden im Fachbereich Wirtschaft der Fachhochschule Osnabrück, einen Abschnitt über die Situation der Pflegeinformatik im deutschsprachigen Raum besorgt. Nach einem Überblick werden Daten und Prozesskonzepte, die gesetzlichen Rahmenbedingungen und Anwendungsbeispiele dargestellt; ein abschließendes Kapitel ist der Forschung und Lehre gewidmet.

In einem Anhang sind hilfreiche Materialien ausgelistet, z.B. Ausführungen zur Ausschreibung für die Einführung einer EDV oder Ausbildungsmodelle für Pflegeinformatik und eine Übersicht über wissenschaftliche Arbeiten zur Pflegeinformatik im deutschsprachigen Bereich.

Das Buch kann allen an der Informationstechnologie Interessierten empfohlen werden, auch wenn vielleicht nicht alles gelesen werden wird. Pflegende in Leitungsfunktionen sollten das Buch zur Hand haben, da sie immer wieder in Entscheidungsprozesse involviert sind und sie ein Interesse daran haben müssen, die Entscheidungen nicht allein EDV-Experten und der Verwaltung zu überlassen, denn die Mitarbeiter des Pflegedienstes müssen mit den wie auch immer gefundenen und eingeführten Lösungen leben müssen.

Einige kritische Anmerkungen seien einem leidgeplagten EDV-Anwender gestattet:

  • Es liegt in der Logik der Architektur von EDV-Lösungen, eine möglichst ausgeprägte Vernetzung herzustellen. Dies hat auch zweifelsfrei charmante Aspekte. Der vor allem in den Kapiteln über die Krankenhausinformationssysteme nicht zu überlesenden Vernetzungseuphorie kann ich allerdings nicht so ganz folgen. Gerade Kenner der Materie sollten auch redlich darüber informieren, dass mit der Komplexität eines Systems respektive - da es in der Realität eigentlich nie ein System aus einem Guss gibt, ist dies der Regelfall - mit der Zahl der Schnittstellen, die gepflegt werden müssen, die Zahl der Probleme exponentiell ansteigt - Herr Murphy lässt hier herzlich grüßen. Es gibt m.E. Anlass, über Alternativen zur Totalvernetzung nachzudenken. Dies scheint mir vor allem auch deshalb geboten, weil der Verweis auf noch nicht realisierte Vernetzungsfragen in der Konsequenz nichts anderes ist als eine verkappte, aber sehr wirkungsvolle Form des Aussitzens von Problemen (ich will mir verkneifen, aus dem Alltag mehrerer deutschen Kliniken zu erzählen).
  • Zu den Alternativen könnte zählen, genau zu überprüfen, wofür unabdingbar Vernetzung notwendig ist und wofür man einfach schlicht einen Computer mit handelsüblichen Programmen zur Lösung von vielen alltäglichen Problemen einsetzen kann (Beispiele hierfür würden den Rahmen einer Rezension sprengen).
  • Ausführungen über die Situation im deutschsprachigen Raum müssten kritisch den Status der Pflegeberufe und damit verbunden die den Pflegenden zugesprochenen Kompetenzbereich bedenken. Dies hat nämlich entscheidenden Einfluss darauf, wie Pflegende in Entscheidungsprozesse eingebunden werden und welche Dringlichkeit dem Bereitstellen und Aufbereiten von Daten für den Pflegebereich beigemessen wird. Die Situation in Amerika und Kanada unterscheidet sich jedenfalls in vielfältiger Weise von der in Deutschland.
  • Zu den Vernetzungsvisionen ist noch eine Anmerkung notwendig: Die Vernetzung wird nicht bei der Elektronischen Patientenakte stehen bleiben, es wird die Elektronische Gesundheitsakte geben - und hier sind dann noch einmal ganz andere Probleme zu diskutieren. Die Geschichte mit der Chip-Karte mit allerlei Informationen, die die deutsche Gesundheitsministerin in ihrer weit gehenden Unkenntnis im Nachgang zu dem Lipobay-Skandal als Schnellschuss produzierte, wird dagegen noch als harmlos anzusehen sein. Auch wenn man noch so engagiert ist als Pflegeinformatiker, sollte hier doch etwas kritisches Bewusstsein vorhanden sein.
Die Anmerkungen schmälern nicht den Wert des Buches. Es gilt vor allem, dass es gerade bei Neuerungen immer lohnend ist, sich einfach einzubringen - und der Bereich der Informatik kann immer noch als eine solche Neuerung angesehen werden.
Handbuch für Stations- und Funktionsleitungen<br> Neue Herausforderung als Chance für die Praxis (Rezension)
Handbuch für Stations- und Funktionsleitungen Neue Herausforderung als Chance für die Praxis (Harms, Käte, Roswitha Woiwoda und Susanne Dieffenbach)Thieme, Stuttgart, 2003, 2., überarb. Aufl., 292 S., 85 Abb., 39,95 € - ISBN 3131250321Rezension von: Rose-Marie Brück Dieses