Demenzkranke Patienten im Krankenhaus Stiftung Wohlfahrtspflege NRW (Hrsg.) )Schlütersche Verlagsgesellschaft, Hannover 2010, 84 Seiten, 59,90 EUR, ISBN - 13-978-3899932256 Rezension von:Dr. Sven Lind |
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Demenzkranke im mittelschweren Stadium sind als Patienten im Krankenhaus meist von den neuen Umwelteinflüssen überfordert und reagieren hierauf oft mit den typischen demenzspezifischen Stresssymptomen Unruhe, Aggression oder Rückzug. Pflegende in den Krankenhäusern sind mit dieser Klientel von der Ausbildung und der bisherigen Erfahrung im Klinikalltag meist auch nicht vertraut und fühlen sich angesichts der krankheitsbedingten Verhaltensauffälligkeiten zumeist auch nicht sicher im Umgang mit den Betroffenen. Das vorliegende Praxishandbuch soll dazu dienen, den Pflegenden im Krankenhaus Hilfestellung bei der Pflege und Betreuung Demenzkranker zu geben. Die Ausführungen sind das Ergebnis eines Projektes, das die gemeinnützige Gesellschaft für soziale Projekte mbH durchgeführt hat. Als Autoren mitgewirkt haben bei dieser Veröffentlichung Dr. phil. Susanne Angerhausen, Silvia Bigalke, Sandra Daum, Enno Detert und Rosemarie Lotzen, die alle bis auf Susanne Angerhausen Krankenschwester bzw. -pfleger sind.
Die Publikation ist in sieben Kapitel untergliedert.
• Kapitel 1 (Planung, Dokumentation und qualitätssichernde Maßnahmen in der Pflege – Seite 20 - 28) enthält die organisatorische Aspekte der Demenzpflege: u. a. Aufnahme, Pflegeanamnese, Pflegevisite, Fallbesprechung, Fortbildung und Entlassungsmanagement.
• In Kapitel 2 (Allgemeines pflegerisches Handeln und Interventionen – Seite 29 – 44) wird eine Reihe von teils demenzspezifischen Umgangsformen und Interventionen bei der Pflege und Betreuung angeführt: u. a. Validation, basale Stimulation, Aromapflege, Orientierungshilfen, Kinästhetik, Hilfe bei der Ernährung und Seelsorge.
• Kapitel 3 (Milieugestaltung – Seite 45 - 51) erläutert einige milieubezogene Vorgehensweisen wie Orientierungshilfen, Tagesstrukturierung, Kurzaktivierung, Beschäftigung und die Angehörigenintegration mitsamt Angehörigenberatung und -unterstützung.
• Kapitel 4 (Sicherheit und rechtliche Fragen – Seite 52 – 56) beschreibt übersichtsartig Desorientiertensysteme (elektronische Überwachungssysteme), Konzepte der Sturzprophylaxe, freiheitseinschränkende Maßnahmen und rechtliche Aspekte einer Vorsorgevollmacht, Betreuung und Patientenverfügung.
• In Kapitel 5 (Herausforderndes Verhalten – Seite 57 – 64) werden Symptome demenzspezifischer Verhaltensauffälligkeiten und Überforderungsverhalten wie Aggressivität, Unruhe, Wandern einschließlich Weglaufen, Apathie, Halluzinationen und Wahnvorstellungen, Angstzustände und enthemmtes Verhalten angeführt. Zugleich werden in Stichworten Empfehlungen im Umgang mit diesem demenzspezifischen Verhalten gegeben.
• Kapitel 6 (Diagnostik und Therapie – Seite 65 – 73) skizziert knapp das Krankheitsbild Demenz einschließlich der Demenzformen, Symptome und Stadien. Anschließend werden Instrumentarien der Diagnostik angeführt. Es folgen Ausführungen über Delir, Depression, Konsiliar- und Liasiondienste, Medikation (insbesondere Psychopharmaka) und den Schmerz (Erkennung und Behandlung).
• Im abschließenden Kapitel 7 (Schwerpunktbereiche – Ein Ausblick – Seite 74 – 75) wird die Anregung gegeben, dass Demenzkranke im Krankenhaus in Zukunft möglichst in speziellen demenzspezifischen Stationen versorgt werden sollten.
Eine beigefügte CD-Rom enthält die Textbeiträge nebst Checklisten, Leitlinien und Arbeitshilfen als Word- bzw. pdf-Dateien.
Bei kritischer Betrachtung des Inhaltes kommt der Rezensent zu der betrüblichen Einschätzung, dass dieses Praxishandbuch keinen großen Nutzen für die Pflegenden im Krankenhaus im Umgang mit Demenzkranken besitzt. Begründet wird dieses Urteil anhand folgender Punkte:
• Fehlendes ganzheitliches Konzept – Ein Praxishandbuch vermittelt in der Regel eine Vielzahl an alltagstauglichen Informationen und Hinweisen, die meist von einigen grundlegenden Prinzipien und Kernelementen abgeleitet werden. Ein übergreifendes Konzept im Sinne eines Bezugs- oder Orientierungsrahmens ist in den vorliegenden Ausführungen nicht zu erkennen. Die bloße Aneinanderreihung von Daten, Fakten und Verfahrenformen bildet für den Gegenstandsbereich Pflege und Betreuung Demenzkranker im Heim zuwenig Struktur und Komplexität, um die Inhalte vertiefen und praxisnah umsetzen zu können.
• Beschränkung auf die Funktion eines Ergänzungstextes – Die Autoren führen an, dass das Handbuch die „bestehenden Informationen zur Versorgung demenzkranker Menschen ergänzen und nicht ersetzen“ möchte (Seite 12). Diese Selbstbescheidung ist für ein Praxishandbuch Demenzpflege geradezu kontraproduktiv, wenn nicht einmal die grundlegenden Informationen, die es zu ergänzen gilt, angeführt werden. Die Demenzpflege ist gegenwärtig ein Sammelsurium diverser, sich meist widersprechender Modelle und Positionen jenseits jedweder Empirie und Wissenschaftlichkeit. Da bedarf es dann schon weitergehender Informationen.
• Vorgehensweisen ohne Wirksamkeitsnachweis – Es werden für die Pflege und Betreuung Demenzkranker verschiedene Konzepte und Vorgehensweisen angeführt (Validation, basale Stimulation, Aromatherapie, Kurzaktivierung u. a.), die den Nachweis ihrer Effektivität und Effizienz noch nicht erbracht haben. Manche dieser Vorgehensweisen sind aus der Sicht des Rezensenten für Demenzkranke im mittelschweren Stadium geradezu gefährlich, da hier das angeborene Einfühlungsvermögen der Pflegenden durch starren Schematismus der verschiedenen Konzepte ersetzt wird.
• Unzureichende Empfehlungen im Umgang mit demenzspezifischen Verhaltens- und Reaktionsweisen – Hierbei beschränken sich die Autoren überwiegend auf den Verweis auf die „Rahmenempfehlungen zum Umgang mit herausforderndem Verhalten bei Menschen mit Demenz in der Altenpflege“ aus dem Jahr 2006. Diese Empfehlungen zeichnen sich jedoch durch fehlenden Praxisbezug und teils ideologischen Verengungen aus, so dass von dieser Seite keine wirksame und effiziente Hilfe für den Umgang mit Demenzkranken erwartet werden kann.
Es bleibt das Fazit zu ziehen, dass die vorliegende Publikation keine effektiven und praxistauglichen Strategien für den Umgang mit Demenzkranken im Krankenhaus zu vermitteln vermag.