Sterbebegleitung auf der Intensivstation (Timm, Wencke)Kohlhammer Verlag, Stuttgart, 2000, 130 S., 16,00 ⬠- ISBN 3-17-016678-6Rezension von: Stefan Jores |
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Vorsicht, Falle.
Wer sich in seinem beruflichen Aufgabenfeld "Intensivstation" mit der ständig wiederkehrenden - und zweifellos belastenden - Herausforderung der Begleitung sterbender Patienten auseinander setzt, sucht gelegentlich nach AnstöÃen, Orientierung, Hilfestellung. Da springt einem der Titel "Sterbebegleitung auf der Intensivstation" von Wencke Timm, in der Reihe "Pflegepositionen" im Kohlhammer Verlag erschienen, geradezu ins Auge. Die geneigten Leser/innen tun gut daran, sich erst mal den rückseitigen Klappentext des annähernd DIN A5 formatigen, 130 Seiten schmalen Taschenbuchs zu Gemüte zu führen. Dort erfährt man u.a.: "Ihre (der Autorin) methodisch versierte Reflexion kann die Leser unterstützen, Distanz zum eigenen Berufsgeschehen zu finden."
Darum geht es also: methodisch versierte Reflexion - nicht um Unterstützung in konkreten Fragestellungen der Praxis. So beansprucht die Schilderung dreier Fallberichte nur wenige Seiten. Sie finden sich zwar in der Mitte des Buches, sind aber nicht sein thematischer Mittelpunkt. Nach einem einleitenden ersten Kapitel werden in dem anschlieÃenden Kapitel Begriffe definiert und von einander abgegrenzt. "Sterbebegleitung" reduziert sich nach dem Verständnis der Autorin hauptsächlich - und in diesem Buch ausschlieÃlich - auf "Begleitung der Angehörigen". Eine die Alltagswirklichkeit stark verengende Sichtweise, wie ich meine.
Ausführlichen Raum widmet W. Timm der Beschreibung von Auswahl und Begründung der für ihre Zwecke geeignetesten Untersuchungsmethode. Der Sache angemessen erscheinen ihre persönlichen Erfahrungsberichte zu sein. Bei den drei von ihr vorgestellten Fallbeispielen ist sie zugleich Agierende (oder Intervenierende), Protokollantin und Interpretin. Alles in einer Person. Die Auswertung erfolgt nach den Interpretationsregeln von Heckmann - zumindest ansatzweise. Denn Regel 19 ("Die Interpretation eines Textes sollte durch mehrere Interpreten erfolgen. Grade der Ãbereinstimmung können als Maà der Reliabilität und Objektivität einer Textinterpretation gewertet werden.") wischt die Autorin kurz und bündig vom Tisch: "Dieser Regel kann im Rahmen des Buches nicht entsprochen werden und muss auÃer acht gelassen werden." Sic!
Die Analyse der Erfahrungsberichte wirkt durch die schematische Abhandlung mit zahlreichen inhaltlichen Ãberschneidungen wenig lebendig, ja geradezu ermüdend statt erhellend. Man kann sich fast des Eindrucks nicht erwehren, es handele sich beim vorliegenden Text um eine Seminararbeit im Rahmen des Pädagogikstudiums zum Gegenstand "Forschungsmethoden" - Thema Nebensache.
Daran ändert auch das abschlieÃende Kapitel wenig, in dem W. Timm versucht, Grundlagen eines pädagogischen Konzeptes zur Ãberwindung persönlicher oder gesellschaftlicher Widrigkeiten im Umgang mit Sterbenden zu entwickeln. Dabei streift sie mehr oder weniger Bekanntes von Kommunikationstheoretikern wie Watzlawick, Schulz von Thun und anderen.
Immerhin: Wer im Rahmen der Aus-, Fort- oder Weiterbildung ein Seminar zum Thema Sterbebegleitung zu gestalten hat, könnte hier Anregungen und Hinweise finden. Ansonsten fällt mein Fazit ernüchternd aus: Diese Buch handelt von vielen Anläufen, Abkürzungen und Umwegen. Zum eigentlichen Sprung kommt es aber nicht.