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Leibliche Sensibilität im Kontext einer zunehmend digitalisierten Pflege - Virtual Reality als Medium für eine ethische Reflexivität in der Pflegeausbildung

Posterpräsentation
Ort: Posterausstellung 14.09.26, 15:00 - 14.09.26, 15:10 (Europe/Zurich) (10 Minuten)
Autor:in
Jenny-Victoria Steindorff
Universitätsmedizin Halle, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Co-Autor:innen: Prof. Dr. Denny Paulicke, Prof. Dr. Patrick Jahn, Universitätsmedizin Halle, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Referent:innen
Referentin 1

Beschreibung

Einleitung

Angesichts des demografischen Wandels, Fachkräftemangels und der digitalen Transformation steht die professionelle Pflege vor tiefgreifenden Umbrüchen. Diese Entwicklungen gehen nicht nur mit strukturellen Herausforderungen einher, sondern fordern vor allem auch eine persönliche sowie institutionelle Positionierung. Im Sinne von „Haltung und Verantwortung“ sollte Pflegebildung als der Ort einer professionellen Selbstvergewisserung, ethischen Beurteilung und Verantwortungsübernahme verstanden werden.

Entscheidend ist, dass Digitalisierung nicht primär als auferlegte Effizienzstrategie erachtet wird, sondern (künftige) Pflegende eine professionelle Haltung entwickeln, technologische Innovationen kritisch reflektiert und gewissenhaft einzusetzen. Die ethisch-normativen Grundlagen pflegerischen Handelns wie Menschenwürde, respektvolle, empathische Beziehungsgestaltung und Vertrauen sollten dabei bereits in der Lehre leitend sein [1,2].

Hintergrund und Zielsetzung

Ethische Kompetenz zeigt sich jedoch nicht nur in der Anwendung von Leitlinien, sondern in einer leiblichen Sensibilität für Situationen. Pflegende nehmen Atmosphären, nonverbale Ausdrucksformen und relationale Spannungen wahr – insbesondere im Umgang mit vulnerablen Gruppen. Diese Wahrnehmungsfähigkeit gilt es systematisch zu fördern, da Leiblichkeit aus pflegewissenschaftlicher und phänomenologischer Perspektive als zentrale Dimension ethischer Handlungsfähigkeit hervorgehoben werden kann [3].

Im Kontext des zunehmenden Einsatzes digitaler (Pflege-)Technologien ist diese zudem hinsichtlich der kritischen Beurteilung und Ausrichtung am Wohl der Pflegeempfangenden zu betrachten: als Aspekt professioneller Verantwortung müssen Lernende auch in ihrer Medienkompetenz befähigt werden. Immersive Virtual Reality (VR)-Lernszenarien eröffnen didaktische Möglichkeiten, um Techniknutzung, Perspektivübernahme und ethisch herausfordernde Situationen zu erproben.

Methoden

Im Rahmen eines Promotionsvorhabens wurde ausgehend von einem Mixed-Methods-Ansatz die Rolle des leiblichen Gespürs in der Pflegeausbildung sowie das didaktisch-methodische Potenzial von VR zugunsten einer werteorientierten Pflegepraxis untersucht. Auf der Grundlage einer vorsondierenden Dokumentenanalyse wurde die Perspektive von Lehrkräften und Praxisanleitenden der generalistischen Pflegeausbildung sowie VR-Entwickelnden mittels leitfadengestützter Interviews und Fokusgruppen erhoben. Eine Fragebogenerhebung ergänzte die Ergebnisse um die Nutzen- und Anwendungswahrnehmung virtuell gestützter Szenarien als Lernmedium seitens Auszubildender.

Ergebnisse

VR ist nicht als Ersatz realer Begegnung zu verstehen, sondern als Anlass zur Irritation und Reflexion. Indem die Grenzen virtueller Erfahrung – etwa hinsichtlich leiblicher Präsenz – thematisiert werden, kann das Bewusstsein für Verantwortung und Beziehung geschärft werden. Eingebettet in eine strukturierte, kohärente Didaktik kann VR die Entwicklung einer Haltung, die Technik am Maßstab professioneller Werte prüft, unterstützen.

Diskussion und Ausblick

Eine zukunftsorientierte Pflegebildung sollte demnach das Ziel verfolgen, Pflegende in der Ausbildung einer stets kritisch-reflexiven Haltung zu stärken und Verantwortung für die ethische Mitgestaltung der fortschreitenden digitalen Transformation zu übernehmen. Dies inkludiert insbesondere angesichts des zunehmenden Einsatzes von Technologien und Robotik die Rückbesinnung auf leibliche Sensibilität als Kompass einer effizienten, digitalisierten und dennoch werteorientierten, personzentrierten Pflegepraxis.

Die geschützte Exploration entsprechender Einsatz- und Wirkmechanismen ist folglich bereits in der Ausbildung anzuleiten und zu diskutieren. Somit kann der virtuell gestützte Erfahrungsraum, wie ihn VR bietet, als curricular zu implementierende Lehrform empfohlen werden.

Literatur

  • [1] International Council of Nurses (Hrsg.) (2021): Der ICN-Ethikkodex für Pflegefachpersonen. Genf. http://www.dbfk.de/media/docs/newsroom/publikationen/ICN_Code-of-Ethics_DE_WEB.pdf (Abfrage: 04.01.2022).
  • [2] Ewerbeck, F. (2020). Phänomenologie des Schmerzerlebens von Patienten auf der Intensivstation. Intensiv, 28, 22–31. https://doi.org/10.1055/a-1032-1481
  • [3] Walter, A. (2015). Der phänomenologische Zugang zu authentischen Handlungssituationen – ein Beitrag zur empirischen Fundierung von Curriculumentwicklungen. In. U. Weyland, M. Kaufhold, Marisa & E. Rosowski (Hrsg.), bwp@ Spezial 10 – Berufsbildungsforschung im Gesundheitsbereich (S. 1-22). Abgerufen am 31.08.2020 von http://www.bwpat.de/spezial10/walter_gesundheitsbereich-2015.pdf.