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Professionelle Verantwortung im interprofessionellen ethischen Diskurs. Ethik in der beruflichen Praxis als interprofessionelles Lernformat am USZ
Beschreibung
Einleitung
Für Auszubildende und Berufsanfänger sind ethische Konfliktsituationen häufig herausfordernd. In Lernsequenzen mit sicherer Umgebung von Kleingruppen können ethische Begrifflichkeiten und Diskussionen geübt werden. Eine Analyse von persönlich erlebten Fallsituationen mit den ethischen Prinzipien der Autonomie, Nicht-Schadens, Gutes tun und Gerechtigkeit nach Beauchamp & Childress (2013) bieten hier eine gute Grundlage. Diese finden in mehreren Gesundheitsberufen Anwendung. Der ICN (International Council of Nurses) fordert u.a. die Aufnahme kulturelle Normen, Pflegethik mit ethischen Prinzipien mit Argumentationen für ethische Entscheidungsfindung in Lehrplänen. Dabei sollen Teilnehmende Fähigkeiten erlangen, um ein gesundes, sicheres und nachhaltiges Praxisumfeld für alle im Gesundheitswesen zu gewährleisten (ICN 2021).
Hintergrund und Motivation
Sätze wie: «Der Patient wurde zur Therapie überredet», «warum lässt man die Patientin nicht sterben» in Lernsequenzen von Pflegeethik zeigten auf, dass solche Fragen einen interprofessionellen Diskurs benötigen. In der Praxis werden häufig plakative Erklärungen übernommen. Dies führt zu Vorurteilen und moralischen Konflikten. Vorurteile und Stereotypen entstehen, wenn Verhaltensweisen und Normen einer Berufsgruppe verallgemeinert werden: Menschen urteilen, ohne die Tatsachen auf ihre Gültigkeit hin zu überprüfen (Arendt 2019, Maßhof-Fischer 2000). Anstatt das eigene Handeln zu reflektieren und einen Dialog mit anderen zu führen, kommt es in komplexen moralischen Konfliktsituationen oft dazu, die Schuld bei einer anderen Profession zu suchen (Roth 2019, Boshammer 2011). In Situationen, in welchen ethische Dilemmata bestehen, benötigt es einen Dialog, um komplexe Situationen und Wertvorstellungen zu klären, wie z.B. Auslegung von Patientenverfügungen (Monteverde 2019). Ethische Lerneinheiten sind wichtige Elemente von moralischer Resilienz (Gallagher 2020). Gemeinsame Entscheidungsprozesse benötigen im ethischen Diskurs eine Begründungskompetenz (Rabe 2020). Die professionelle Verantwortung bedeutet hier, diesen Diskurs zu führen, Konflikte anzusprechen und schwierige Themen aufzugreifen.
Lernformat in Methodik und Didaktik
Das USZ bietet seit 2022 jährlich an vier Tagen Ethik in der beruflichen Praxis für Studierende der Pflege, Physiotherapie, Hebammen, Ergotherapie, Ernährungsberatung, Sozialdienst sowie Unterassistentinnen und Unterassistenten der Medizin an. Die Lerneinheit basiert auf einer Didaktik der Anerkennung (Müller-Commichau 2014, 2020). In anerkennender Weise werden im Dialog die verschiedenen professionellen Perspektiven zu Fallbeispielen aufgenommen. In inter- und monoprofessionellen Gruppen erarbeiten die Teilnehmenden ihre ethischen Begründungen anhand ethischer Prinzipien sowie des eigenen professionellen Ethikkodex an selbst erlebten Fallbeispielen. Sie arbeiten wiederholend in interprofessionellen Kleingruppen an vorgegebenen und selbsterlebten ethischen Fallbeispielen mit zunehmender Tiefe und Analyse. Integriert sind eine monoprofessionelle Sequenz zur Professionsethik sowie die Vorstellung der Klinischen Ethik im Plenum. Letztere klärt das Vorgehen in ethischen herausfordernden Situationen und beantwortet alle aufkommenden Fragen unter einer Haltung der Anerkennung.
Kritische Reflexion mit Ergebnissen der Rückmeldungen
Die zum Start und am Ende erhobene interprofessionelle und ethische Kompetenz zeigen jeweils klare Steigerungen. So würden die Teilnehmenden signifikant mehr auf anderen Berufsangehörige zur besseren Zusammenarbeit und gemeinsamen Entscheidungsfindung zugehen. Die Frage zur Relevanz der Lernform wurde gesamthaft zwischen 76% bis 86% beantwortet. Diese Ergebnisse weisen eine hohe Nachhaltigkeit für den Praxisalltag als Best Practice auf.
Ausblick
Die Dozierenden der verschiedenen Professionen treffen sich nach mehreren Durchführungen, ca. jährlich, um die Rückmeldungen zu besprechen und Anpassungen zum Inhalt und Ablauf vorzunehmen. In der Gruppeneinteilung wird darauf geachtet, dass die Teilnehmenden auch in der Praxis am gleichen Arbeitsort tätig sind. In der Durchführung ist dies nicht immer möglich, ein idealer Lösungsweg konnte noch nicht gefunden werden, daran wird weiterhin gearbeitet.
Literatur
- Arendt H. (2019): Denken ohne Geländer. Texte und Briefe. Bohnet H. Stadler K. (Hrsg.).10. Auflage. München: Piper
- Beauchamp T./ Childress J. (2013): Principles of Biomedical Ethics. Seventh Edition. New York: Oxford University Press
- Boshammer S. (2011): Von schmutzigen Händen und reinen Gewissen. Konflikte und Dilemmata als Problem der Ethik. In: Ach J./ Bayertz K./ Siep L. (Hrsg): Grundkurs Ethik. 2. Unveränderte Auflage. Paderborn: Mentis, S: 143-161.
- Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBvK) (2021): Der ICN-Ethikkodex für Pflegefachpersonen (2021). ICN-Ethikkodex, letzter Abruf 9.3.2026
- Gallagher A. (2020): Learning from Florence Nightingale: A slow ethics approach to nursing during the pandemic. Nurs Inq. 2020;27: e12369 10.1111/nin.12369. Published online 22. Juli 2020. Learning from Florence Nightingale: A slow ethics approach to nursing during the pandemic (wiley.com) letzter Abruf 20.03.2025
- Maßhof-Fischer M. (2000): Ethik und Vorurteil. Moralpsychologische Studien zu den Legitimations-strategien soziokulturellen Handelns im Konfliktfeld von Mythos und Rationalität. In Hunold G. (Hrsg.): Interdisziplinäre Ethik. Band 25. Frankfurt a. M.: P. Lang.
- Monteverde S. (2019): Komplexität, Komplizität und moralischer Stress in der Pflege. Institut für Ethik Med. 2019/ 31. Institut für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte. Universität Zürich: Springer, S. 345–360.
- Müller-Commichau W. (2014): Anerkennung in der Pädagogik. Ein Lehrstück. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.
- Müller-Commichau W. (2020): Fünf Säulen einer Erwachsenenpädagogik der Anerkennung. Fünf Säulen einer Erwachsenenpädagogik der Anerkennung (youtube.com) Letzter Abruf 20.03.2025
- Rabe M. (2020): Die Vermittlung von Ethik in der Pflege. In: Monteverde S. (Hrsg.): Handbuch Pflegeethik. Ethisch denken und handeln in den Praxisfeldern der Pflege. 2., Erweiterte und überarbeitete Auflage. Stuttgart: Kohlhammer, S. 147-160
- Roth G. (2019): Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern. Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Stuttgart: Klett-Cotta.