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Transkategoriale Haltung als Bildungsauftrag
Diversitätssensible Kompetenz in der Fachweiterbildung
Beschreibung
Einleitung
Pflegefachpersonen in der Fachweiterbildung Intensiv-, Notfall- und onkologische Pflege arbeiten in existenziellen Grenzsituationen und gestalten tagtäglich Beziehungsarbeit unter Bedingungen besonderer Vulnerabilität. Professionelles Handeln ist dabei stets auch durch gesellschaftliche Normen und Machtverhältnisse geprägt. Ausgehend vom Konzept der Transkulturellen Pflege und dessen Weiterentwicklung zur transkategorialen Pflege wird deutlich, dass professionelle Kompetenz nicht an einzelnen Differenzkategorien ansetzen kann. Die Verschränkung unterschiedlicher Macht- und Ungleichheitsverhältnisse erfordert vielmehr eine diversitätssensible Perspektive, die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt systematisch mitdenkt. Diese Perspektive wird im pflegerischen Alltag bislang unzureichend berücksichtigt. Die daraus resultierende Leerstelle verweist nicht allein auf individuelle Kompetenzfragen, sondern auf pädagogische und institutionelle Verantwortlichkeiten. Der Beitrag nimmt die Fachweiterbildung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf als zentralen Ort professioneller Kompetenz- und Haltungsbildung in den Blick
Hintergrund und Zielsetzung
Heteronormativität wirkt im Gesundheitswesen als strukturierende Ordnung und prägt auch Bildungsprozesse, indem sie beeinflusst, welche Themen als relevant gelten und welche Perspektiven ausgeblendet bleiben. Bildungsinstitutionen im Gesundheitswesen sind dabei nicht neutral, sondern tragen durch curriculare und didaktische Entscheidungen zur Reproduktion oder zur Veränderung dieser Strukturen bei. In den Fachweiterbildungen stehen diese Verantwortungen in einem besonderen Spannungsverhältnis zu rechtlichen Vorgaben, die die Gleichstellung von LSBTI-Personen ausdrücklich einfordern.
Ziel des Beitrags ist es, anhand einer curricularen Bestandsaufnahme der Fachweiterbildung zu analysieren, wie sexuelle und geschlechtliche Vielfalt pädagogisch berücksichtigt wird und welche Konsequenzen sich daraus für eine diversitätssensible Pflegebildung ergeben. Anknüpfend an das Konzept der transkategorialen Pflege werden auf dieser Grundlage pädagogische Handlungsperspektiven entwickelt, die diversitätssensible Kompetenz als integralen Bestandteil professioneller Pflegeexpertise verorten.
Methoden
Die Untersuchung basiert auf einer qualitativen curricularen Analyse der pflegerischen Fachweiterbildung in Hamburg. Analysiert wurden geltende rechtliche Vorgaben sowie curriculare Dokumente im Hinblick auf die Berücksichtigung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Ergänzend wurde aktuelle nationale und internationale Forschung zu Wirkungen diversitätssensibler Bildungsmaßnahmen im Gesundheitswesen ausgewertet. Ziel der Analyse war es, bestehende Leerstelle sichtbar zu machen und daraus pädagogische Handlungsperspektiven für eine diversitätssensible Pflegebildung abzuleiten.
Ergebnisse
Die curriculare Analyse zeigt eine Diskrepanz zwischen rechtlichen Anforderungen zur Gleichstellung von LSBTI-Personen und der pädagogischen Umsetzung. Inhalte zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt sind entweder nicht explizit benannt, nur randständig verortet oder werden implizit individualisiert und damit der Verantwortung einzelner Lehrender überlassen. Die Auswertung der Forschungslage belegt, dass gezielte Bildungsmaßnahmen zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt Wissen, Haltungen und klinische Handlungskompetenzen von Gesundheitsfachpersonen verbessern. Besonders wirksam erweisen sich didaktische Ansätze, die eine reflexive Auseinandersetzung mit eigenen normativen Annahmen ermöglichen, diskriminierungssensible Kommunikation fördern und Perspektiven aus der Community einbeziehen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass diversitätssensible Kompetenz nicht additiv vermittelt werden kann, sondern eine bewusste curriculare und didaktische Integration erfordert, um professionelles Handeln in der Pflege nachhaltig zu stärken.
Diskussion und Ausblick
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass diversitätssensible Kompetenz keine Ergänzung, sondern ein konstitutiver Bestandteil transkategorialer pflegerischer Expertise ist. Die Annahme pädagogischer Neutralität erweist sich dabei als problematisch, da das Ausblenden sexueller und geschlechtlicher Vielfalt bestehende heteronormative Machtverhältnisse stabilisiert und strukturelle Diskriminierung reproduziert. Die Fachweiterbildungen stehen damit vor der Aufgabe, diese Leerstelle nicht weiter zu individualisieren, sondern institutionell und curricular zu bearbeiten.
Für die pflegepädagogische Praxis bedeutet dies, diversitätssensible Inhalte explizit zu verankern und als Querschnittsaufgabe professioneller Kompetenzentwicklung zu verstehen. Lehrende übernehmen dabei eine zentrale Verantwortung für die Gestaltung reflexiver Lernräume, in denen normative Annahmen sichtbar gemacht und kritisch bearbeitet werden können. Der Beitrag sieht Fachweiterbildungen somit als Ort professioneller Haltungsbildung und demokratischer Praxis und plädiert für eine bewusste Neuausrichtung pflegepädagogischer Konzepte im Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt.
Literatur
- Domenig, D. (Hrsg.). (2021). Transkulturelle und transkategoriale Kompetenz. Lehrbuch zum Umgang mit Vielfalt, Verschiedenheit und Diversity für Pflege- Gesundheits- und Sozialberufe. (3. Aufl.). Hogrefe.
- Hartmann, J., Messerschmidt, A., & Thon, C. (Hrsg.). (2017). Queertheoretische Perspektiven auf Bildung: Pädagogische Kritik der Heteronormativität (Jahrbuch Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft, Band 13). Opladen; Berlin; Toronto: Verlag Barbara Budrich. https://doi.org/10.3224/jfgfe.v13i1
- Sekoni, A. O., Gale, N. K., Manga-Atangana, B., Bhadhuri, A., & Jolly, K. (2017). The effects of educational curricula and training on LGBT-specific health issues for healthcare students and professionals: A mixed-method systematic review. Journal of the International AIDS Society, 20(1), 21624. https://doi.org/10.7448/IAS.20.1.21624