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Pflegegeschichte als Lernanlass - Ethische Konflikte in der NS-Pflege als Impuls für professionelle Verantwortung heute

Posterpräsentation
Ort: Posterausstellung 14.09.26, 14:50 - 14.09.26, 15:00 (Europe/Zurich) (10 Minuten)
Autor:in
Karen Briesen
Evangelische Hochschule Dresden
Co-Autor:innen: Elena Henseler
Referent:innen
Referentin 1

Beschreibung

Einleitung

Bildung in Gesundheitsberufen steht angesichts aktueller gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen vor der Aufgabe, fachliche Qualifikation mit ethischer Orientierung, demokratischer Haltung und politischer Verantwortung zu verbinden. Lehrende und Praxisanleitende in der Pflege übernehmen dabei die besondere Rolle als professionelle Akteur:innen zweiter Ordnung, da sie Lernräume gestalten, in denen Verantwortung, Mitbestimmung und kritische Reflexion angebahnt werden.

Der Themenkomplex „Pflege im Nationalsozialismus“ bietet hierfür ein zentrales historisches Lernfeld. Die Auseinandersetzung mit dieser Epoche eröffnet thematische Räume, um Fragen nach Gehorsam, Anpassung, Handlungsspielräumen und Zivilcourage in der heutigen professionellen Pflege systematisch zu reflektieren.

Hintergrund und Zielsetzung

Ausgangspunkt ist meine pflegehistorische Bachelorarbeit an der Evangelischen Hochschule Dresden zur Pflege von Menschen mit Behinderung im Katharinenhof von 1933-1943. Im Fokus stehen die ethischen Konflikte und Handlungsspielräume der dort tätigen Diakonissen sowie die Bedeutung meines Forschungsthemas für gegenwärtige professionsethische Fragestellungen.

Ziel des Beitrags ist es, diese historischen Erkenntnisse für Pflegeausbildung und -studium fruchtbar zu machen und sie gezielt in Lernprozesse zu überführen, die professionelle Haltung, ethische Urteilsfähigkeit und politische Wachsamkeit fördern. Methodisch-didaktisch orientiert sich der Beitrag dabei exemplarisch am Lehr-Lern-Konzept zur historisch-politischen Bildung in der Pflege von Elena Henseler, dessen Ansätze für das Lernen am außerschulischen Lernort Gedenkstätte aufgegriffen und weitergedacht werden.

Methoden

Die historische Analyse basiert auf der qualitativen Auswertung von Primärquellen, u.a. Patient: innenakten. Ergänzend werden Ergebnisse der historischen Forschung in ein didaktisches Arrangement überführt, das historische Fallarbeit, biografische Zugänge und Dilemmadiskussionen miteinander verbindet.

Ergebnisse

Die historische Analyse zeigt, dass pflegerisches Handeln im Nationalsozialismus durch ambivalente Handlungsspielräume geprägt war, die zwischen institutioneller Anpassung, moralischem Konflikt und situativen Formen von Verantwortung oszillierten. Diese Ambivalenzen erweisen sich als besonders anschlussfähig für die Pflegebildung, da sie einfache Täter-Opfer-Zuschreibungen vermeiden und zur differenzierten Reflexion professionellen Handelns anregen.

Die Übertragung der historischen Inhalte in ein gedenkstättenpädagogisches Lehr-Lern-Setting ermöglicht Lernenden einen Perspektivwechsel: Geschichte wird nicht als abgeschlossenes Geschehen vermittelt, sondern als Spiegel für gegenwärtige pflegerische Praxis. Erste Erfahrungen aus der Bildungsarbeit deuten auf eine erhöhte Sensibilität für ethische Konflikte, Machtstrukturen und professionelle Verantwortung hin.

Diskussion und Ausblick

Der Beitrag verdeutlicht, dass historisch-politische Bildung ein zentrales Element einer verantwortungsbewussten Pflegebildung darstellt. Die Verbindung eigener historischer Forschung mit didaktischen Konzepten der Pflegepädagogik eröffnet Möglichkeiten, Lernräume zu schaffen, in denen Haltung, Mitbestimmung und ethische Urteilsfähigkeit gezielt gefördert werden.

Zukünftig soll das Konzept weiterentwickelt und systematisch in Ausbildung und Studium integriert sowie das Lernen am außerschulischen Lernort Gedenkstätte Großschweidnitz ausgebaut werden. Damit leistet der Beitrag einen Impuls für eine

Pflegebildung, die Erinnerung als Ressource nutzt, Verantwortung stärkt und demokratische Kultur fördert.

Literatur

  • Briesen, K. (2025). Die Pflege von Menschen mit Behinderung im Nationalsozialismus. Ethische Konflikte der Diakonissen im Katharinenhof Großhennersdorf und ihre Relevanz für die heutige Pflegepraxis. Frankfurt am Main: Mabuse. ISBN 978-3-86321-748-8.
  • Henseler, E. (2023). Historisch-politische Bildung in der Pflege. Ein Lehr-Lern-Konzept zur NS- „Euthanasie“. Baden-Baden: Tectum. ISBN 978-3-689-00416-3.